Wenn Arbeit zum Lernfeld wird: Ein Praxisbericht

Erfahrung nutzen – Arbeiten mit dem Innovation Learning Loop

In vie­len Orga­ni­sa­tio­nen beginnt Inno­va­ti­on mit einer para­do­xen Situa­ti­on: Der Ver­än­de­rungs­druck ist hoch, die Rich­tung schein­bar klar und trotz­dem ent­steht wenig nach­hal­ti­ge Wir­kung. Teams opti­mie­ren Pro­zes­se, füh­ren neue Tools ein oder star­ten Pilot­pro­jek­te, ohne genau zu wis­sen, wel­ches Pro­blem sie eigent­lich lösen. Ler­nen fin­det oft erst dann statt, wenn Maß­nah­men bereits umge­setzt wur­den oder wenn sie geschei­tert sind.

Und genau aus die­ser Beob­ach­tung her­aus wur­de der Inno­va­ti­on Lear­ning Loop (ILL) ent­wi­ckelt: ein struk­tu­rier­ter Rah­men für Expe­ri­men­te und trans­for­ma­ti­ves Ler­nen, der Ver­än­de­rung nicht beschleu­nigt, son­dern bewusst reflek­tiert und prak­tisch umsetzt, um in neu­en Hand­lungs­fel­dern schnell agie­ren und ler­nen zu können.

Was das in der Arbeits­welt bedeu­tet, zeigt ein kon­kre­tes Praxisbeispiel.

Der Kontext: Ein Team zwischen Anspruch und Realität

Ein inter­dis­zi­pli­nä­res Team aus einem mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men steht vor einer bekann­ten Her­aus­for­de­rung: Die Kun­den­zu­frie­den­heit sinkt, inter­ne Abläu­fe gel­ten als trä­ge, gleich­zei­tig wächst der Druck, „inno­va­ti­ons­fä­hi­ger“ zu wer­den. Die Geschäfts­füh­rung erwar­tet Lösun­gen, das Team spürt Handlungsdruck.

Die ers­te Idee liegt nahe: Pro­zes­se ver­schlan­ken, digi­ta­le Tools ein­füh­ren, Schnitt­stel­len opti­mie­ren. Doch statt direkt in Maß­nah­men zu gehen, ent­schei­det sich das Team, den Inno­va­ti­on Lear­ning Loop als Ori­en­tie­rungs­rah­men zu nut­zen – nicht als Pro­jekt, son­dern als Lern­struk­tur im Arbeitsalltag.

Was Teams im Inno­va­ti­on Lear­ning Loop (ILL) wirk­lich lernen

Der größ­te Effekt des Inno­va­ti­on Lear­ning Loops liegt nicht in bes­se­ren Lösun­gen, son­dern in ver­än­der­ten Denk- und Arbeits­mus­tern:

  • Ler­nen wird zur Vor­aus­set­zung von Optimierung
  • Unsi­cher­heit wird nicht ver­mie­den, son­dern genutzt
  • Ver­ant­wor­tung ver­la­gert sich vom Ent­schei­den zum Erkunden

Teams ent­wi­ckeln eine gemein­sa­me Spra­che für Ver­än­de­rung – und damit Hand­lungs­fä­hig­keit. Sie ler­nen, mit Unsi­cher­heit pro­duk­tiv umzu­ge­hen sowie Ent­wick­lung als kon­ti­nu­ier­li­chen Pro­zess zu gestalten.

Eine Aus­wahl prak­ti­scher Loop – For­ma­te fin­det fin­det ihr hier: Loop-For­ma­te.

1. Phase – Erfahren: Arbeit nicht bewerten, sondern ernst nehmen

Der Ein­stieg in den Inno­va­ti­on Lear­ning Loop erfolgt nicht über neue For­ma­te oder exter­ne Impul­se, son­dern über das, was bereits da ist: die täg­li­che Arbeit. Das Team beginnt damit, kon­kre­te Situa­tio­nen aus lau­fen­den Pro­jek­ten in den Blick zu neh­men – Über­ga­ben, Abstim­mun­gen, Kun­den­ge­sprä­che, Ent­schei­dun­gen. Nicht mit dem Ziel, Ursa­chen zu ana­ly­sie­ren oder Lösun­gen zu fin­den, son­dern um wahr­zu­neh­men, wie Arbeit tat­säch­lich erlebt wird.

Schnell zeigt sich, dass vie­le Rei­bun­gen weni­ger mit ein­zel­nen Pro­zes­sen zu tun haben als mit Unklar­hei­ten im Zusam­men­spiel. Zustän­dig­kei­ten ver­schie­ben sich infor­mell, Erwar­tun­gen blei­ben unaus­ge­spro­chen, Ent­schei­dun­gen wer­den mehr­fach abge­si­chert. Die­se Erfah­run­gen sind dem Team nicht neu – neu ist, dass sie nicht sofort ein­ge­ord­net oder rela­ti­viert werden.

Im Loop wird Erfah­rung nicht als sub­jek­ti­ves Emp­fin­den abge­tan, son­dern als rele­van­ter Aus­gangs­punkt von Ent­wick­lung ver­stan­den. Der Arbeits­all­tag wird zum Lernfeld.

2. Pha­se – Reflek­tie­ren: Abstand zum eige­nen Han­deln gewinnen

Erst im zwei­ten Schritt nimmt sich das Team bewusst Zeit, die gesam­mel­ten Erfah­run­gen gemein­sam zu betrach­ten. Refle­xi­on bedeu­tet hier nicht Bewer­tung, son­dern Distanz: einen Schritt zurück­tre­ten und Mus­ter sicht­bar machen.

In kur­zen, regel­mä­ßig ein­ge­bet­te­ten Refle­xi­ons­for­ma­ten stellt sich das Team Fra­gen wie:
Wo ent­ste­hen wie­der­keh­rend Unklar­hei­ten? An wel­chen Stel­len ver­lang­samt sich Arbeit – und was pas­siert dort kon­kret? Wel­che Situa­tio­nen kos­ten unver­hält­nis­mä­ßig viel Energie?

Durch die­se gemein­sa­me Refle­xi­on ver­än­dert sich die Gesprächs­kul­tur. Ein­zel­ne Beob­ach­tun­gen wer­den nicht mehr als per­sön­li­che Wahr­neh­mun­gen ver­han­delt, son­dern als Hin­wei­se auf struk­tu­rel­le Dyna­mi­ken. Das Team erkennt, dass vie­le Schwie­rig­kei­ten nicht zufäl­lig auf­tre­ten, son­dern Aus­druck eines Sys­tems sind, das auf schnel­le Reak­ti­on statt auf gemein­sa­mes Ler­nen aus­ge­rich­tet ist.

Refle­xi­on schafft hier kei­nen Abschluss, son­dern Ori­en­tie­rung. Sie öff­net einen Raum, in dem Erfah­rung sor­tiert wer­den kann, ohne sie sofort in Maß­nah­men zu übersetzen.

3. Pha­se – Ver­ste­hen: Annah­men sicht­bar machen

Aus der Refle­xi­on her­aus beginnt das Team, sei­ne eige­nen Annah­men zu hin­ter­fra­gen. Nicht abs­trakt, son­dern kon­kret ent­lang der erleb­ten Situa­tio­nen. Was haben wir bis­lang als selbst­ver­ständ­lich ange­nom­men? Wel­che impli­zi­ten Regeln steu­ern unser Handeln?

Im Aus­tausch wird deut­lich, wie stark Ent­schei­dun­gen von unaus­ge­spro­che­nen Über­zeu­gun­gen geprägt sind: dass mehr Abstim­mung auto­ma­tisch Qua­li­tät sichert, dass Kund:innen inter­ne Abläu­fe nach­voll­zie­hen, dass Klar­heit durch zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen ent­steht. Die­se Annah­men wur­den sel­ten geprüft – sie haben sich eta­bliert, weil sie funk­tio­nal erschienen.

Im Inno­va­ti­on Lear­ning Loop ist Ver­ste­hen kein theo­re­ti­scher Schritt, son­dern ein Pro­zess der Klä­rung. Das Team ent­wi­ckelt ein gemein­sa­mes Bild davon, war­um bestimm­te Mus­ter ent­ste­hen und wel­che Logi­ken dahin­ter wirk­sam sind. Erst hier wird deut­lich, war­um frü­he­re Opti­mie­rungs­ver­su­che wenig Wir­kung ent­fal­tet haben: Sie setz­ten an Sym­pto­men an, nicht an den zugrun­de lie­gen­den Annahmen.

Ver­ste­hen schafft damit die Grund­la­ge für bewuss­te Ent­schei­dun­gen – und begrenzt zugleich vor­schnel­len Aktionismus.

4. Pha­se – Aus­pro­bie­ren: Trans­for­ma­ti­ves Ler­nen in Hand­lung überführen

Erst nach­dem Erfah­rung reflek­tiert und ein­ge­ord­net wur­de, ent­schei­det sich das Team für geziel­te Ver­än­de­run­gen. Aus­pro­bie­ren bedeu­tet im Inno­va­ti­on Lear­ning Loop nicht, eine Lösung umzu­set­zen, son­dern eine Annah­me prak­tisch zu überprüfen.

Im kon­kre­ten Fall wird für ein lau­fen­des Pro­jekt test­wei­se eine kla­re Ori­en­tie­rungs­funk­ti­on ein­ge­führt. Eine Per­son bün­delt Kom­mu­ni­ka­ti­on, klärt Zustän­dig­kei­ten und ist kon­ti­nu­ier­li­che Ansprech­stel­le – zeit­lich begrenzt, ohne struk­tu­rel­le Fest­schrei­bung. Das Expe­ri­ment ist bewusst klein gehal­ten und eng an den Arbeits­all­tag gekoppelt.

Der ent­schei­den­de Unter­schied zu frü­he­ren Maß­nah­men liegt im Fokus: Nicht Effi­zi­enz oder Erfolg ste­hen im Vor­der­grund, son­dern die Fra­ge, was sich durch die­se Ver­än­de­rung beob­ach­ten lässt. Wel­che Erfah­run­gen machen Kund:innen? Wie ver­än­dert sich die inter­ne Abstim­mung? Wo ent­ste­hen neue Spannungen?

Das Aus­pro­bie­ren erzeugt neue Erfah­run­gen und führt das Team zurück an den Anfang des Loops. Ler­nen wird damit nicht abge­schlos­sen, son­dern fortgesetzt.

Fazit: Trans­for­ma­ti­ves Ler­nen als kon­ti­nu­ier­li­che Praxis

Im Ver­lauf meh­re­rer Schlei­fen ent­wi­ckelt sich die Zusam­men­ar­beit eben­so wei­ter wie die Hal­tung des Teams gegen­über Ver­än­de­rung. Ent­schei­dun­gen gewin­nen an Klar­heit, Expe­ri­men­te schaf­fen Ent­las­tung, weil sie als Lern­schrit­te ver­stan­den sind. Opti­mie­rung ent­steht aus Erkennt­nis und wächst mit dem gemein­sa­men Verständnis.

Der Inno­va­ti­on Lear­ning Loop wirkt dabei als Arbeits­lo­gik, die Erfah­rung, Refle­xi­on, Ver­ste­hen und Aus­pro­bie­ren mit­ein­an­der ver­bin­det. Ver­än­de­rung bleibt im All­tag ver­an­kert und öff­net Raum für neue Einsichten.