Gedanken und Erfahrungen aus dem Loop!
Oft starten Veränderungsprozesse mit einer klaren Idee davon, was erreicht werden soll, mit einem definierten Startpunkt und einer Vorstellung davon, wie sich der Weg bis zu einem bestimmten Zeitpunkt entwickeln wird. So entsteht ein Gefühl von Planbarkeit und Orientierung, das für viele Beteiligte zunächst Sicherheit gibt. Was soll da schon schief gehen?
Aus der Erfahrung heraus zeigt sich recht schnell eine andere Dynamik. Denn nach den ersten Wochen beginnt oft das Vorhaben an einzelnen Stellen zu ruckeln. Die Energie im Team verändert sich spürbar und auch die Fragen aus der Organisation nehmen zu, wodurch sich eine neue Spannung aufbaut, die sich nicht mehr allein durch Planung oder Kommunikation auflösen lässt.
Vielleicht kommt euch das bekannt vor?
Am Anfang steht die Begeisterung
Gerade für die Menschen in den Veränderungsteams entsteht in diesem Moment eine besondere Situation. Denn sie bewegen sich zwischen zwei Welten: auf der einen Seite die Erwartung der Organisation nach Fortschritt und sichtbaren Ergebnissen und auf der anderen Seite die Realität eines Prozesses, in dem sich vieles erst im Tun entwickelt und noch keine fertigen Antworten bereitstehen. Und das ist manchmal wirklich ein echtes Spannungsfeld.
In vielen Organisationen wirken zusätzlich strukturelle Dynamiken, die diese Phase verstärken. Beispielsweise verdichten sich gegen Ende des Jahres verschiedene Themen, Budgets werden verhandelt, personelle Kapazitäten schwanken und das Kerngeschäft rückt stärker in den Vordergrund. Dadurch verschiebt sich die Aufmerksamkeit, sodass das Innovationsvorhaben automatisch unter erhöhten Rechtfertigungsdruck gerät und auch mal ausgebremst wird.
In dieser Gemengelage beginnt sich die Stimmung zu verändern. Mit ihr entstehen im Team Überlegungen, wie sich der Prozess stabilisieren lässt. Vorschläge sind beispielsweise mehr Struktur, eine klarere Steuerung oder eine Art Blaupause, die Orientierung verspricht und die Komplexität reduziert.
Genau an dieser Stelle lohnt sich ein Perspektivwechsel, denn das, was hier als Unsicherheit erlebt wird, markiert in Wirklichkeit einen entscheidenden Übergang im Innovation Learning Loop (ILL).
Vom Konzept zur Erfahrung
Solange ein Veränderungsvorhaben klar beschrieben, logisch aufgebaut und gut erklärbar ist, bewegt es sich für viele Beteiligte auf einer erwartbaren Ebene, die sich zwar schlüssig anfühlt, jedoch noch wenig mit der tatsächlichen Arbeitspraxis zu tun hat.
Erst wenn sich Fragen nicht mehr eindeutig beantworten lassen, Ergebnisse noch nicht sichtbar sind und Entscheidungen im Prozess selbst getroffen werden müssen, entfaltet sich Lernen als Erfahrung. Wir bezeichnen dies auch als transformatives Lernen.
Teams stehen plötzlich vor der Aufgabe, selbst herauszufinden, was ein sinnvoller nächster Schritt sein kann, wie sich Fortschritt überhaupt zeigt und welche Themen gerade wirklich relevant sind. Dadurch verschiebt sich der Fokus vom Abarbeiten hin zum aktiven Gestalten.
Diese Bewegung lässt sich nicht vorab vollständig planen, da sie aus der konkreten Situation heraus entsteht und immer wieder neu justiert wird.
Selbstorganisation entwickelt sich im Prozess
In dieser Phase liegt für selbstorganisierte Teams ein enormes Entwicklungspotenzial. Verantwortung wird nicht mehr nur formal übertragen, sondern im Alltag dann wirksam, wenn Entscheidungen getroffen, Prioritäten gesetzt und Wege ausprobiert werden.
Mit der Zeit kann so ein gemeinsames Verständnis dafür entstehen, wie das Team arbeitet, worauf es sich verlassen kann und wie es mit Unsicherheit umgeht. Dadurch wird Selbstorganisation als gelebte Praxis erfahrbar und gewinnt an Substanz.
Dabei zeigt sich häufig, dass gerade die Momente, in denen keine eindeutige Richtung vorgegeben ist, besonders wirksam sind, da sie den Raum öffnen, in dem Eigenverantwortung tatsächlich entstehen kann.
Selbstwirksamkeit als Wendepunkt
Durch das kontinuierliche Ausprobieren und das gemeinsame Reflektieren entsteht im Laufe dieser Phase etwas, das für den weiteren Verlauf entscheidend ist: das Gefühl von Selbstwirksamkeit.
Teams erleben, dass sie auch unter unsicheren Bedingungen handlungsfähig sind und wirklich etwas bewegen können und dass Fortschritt nicht ausschließlich an fertigen Ergebnissen sichtbar wird, sondern bereits im Prozess selbst entsteht.
Diese Erfahrung verändert die Zusammenarbeit nachhaltig, da sie das Vertrauen in die eigene Fähigkeit stärkt, mit Komplexität umzugehen und Entwicklungen aktiv zu gestalten. In der Prozessbegleitung ist dies ein entscheidender Punkt, denn erst jetzt hat der Innovations- und Veränderungsprozess eine echte Chance auf nachhaltige Anschlussfähigkeit in einer Organisation.

Transformatives Lernen im Loop
Im Kontext des Innovation Learning Loop zeigt sich Lernen in dieser Phase als tiefgreifende Veränderung in der Art und Weise, wie Arbeit verstanden und gestaltet wird, wodurch sich Perspektiven verschieben und neue Handlungslogiken entstehen.
Es geht weniger um den Aufbau von Wissen und stärker um das Entwickeln eines anderen Umgangs mit Unsicherheit, Entscheidungen und Zusammenarbeit, wodurch Lernen direkt mit der realen Arbeitssituation verbunden ist.
Gerade deshalb entfaltet diese Phase ihre Wirkung, weil sie Erfahrungen ermöglicht, die sich langfristig in Haltung und Verhalten niederschlagen.
Denkimpulse aus dem Loop
In Arbeitssituationen kann es hilfreich sein, diese Phase bewusst zu reflektieren und greifbarer zu machen. Dabei helfen konkretere Fragen, den Blick auf das Geschehen zu schärfen.
- Wie zeigt sich das Lernen bei uns im Team, während der Prozess noch in Bewegung ist?
- Welche Fragen unterstützen dabei, Orientierung zu entwickeln, ohne vorschnell Lösungen festzulegen?
- Woran erkennen wir, dass Selbstorganisation im Alltag wirksam wird?
- Welche Rolle spielt Führung dabei, unsere Veränderungsprozesse zu stabilisieren und gleichzeitig Entwicklung zu ermöglichen?
- Und an welchen Stellen entsteht im Team das Gefühl, die eigene Arbeit aktiv gestalten zu können?
Fazit
Genau durch diese ganz handlungsleitende Vorgehensweise wird ein zentraler Unterschied im Verständnis von Veränderung erlebbar:
Fortschritt zeigt sich nicht erst am Ende eines Prozesses, sondern bereits in den Erfahrungen, die Menschen auf dem Weg ganz praktisch machen.
Und genau in diesen Erfahrungen beginnt der Loop.