Lernen gibt Menschen eine Sprache!

Menschen im Austausch über neue Arbeitsmethoden – Weiterbildung und Corporate Learning im Wandel bei innospring.

Das Fabrikmodell der Mitarbeiterentwicklung hat ausgedient

Noch vor eini­gen Jah­ren ließ sich betrieb­li­che Wei­ter­bil­dung ver­gleichs­wei­se gut orga­ni­sie­ren. Der Bedarf wur­de intern erho­ben und ablei­tend ein pas­sen­des Lern­an­ge­bot oder Pro­gramm ent­wi­ckelt. Natür­lich wur­den Lern­an­ge­bo­te und For­ma­te auch immer mit dem Ziel ent­wi­ckelt, den Need im Job zu befrie­di­gen und Abhil­fe zu schaf­fen. Men­schen kamen zusam­men, erwar­ben Wis­sen und nah­men idea­ler­wei­se etwas davon mit zurück in ihren Arbeitsalltag.

Inzwi­schen ver­än­dert sich jedoch die Aus­gangs­la­ge. KI ver­schiebt Auf­ga­ben inner­halb weni­ger Mona­te, Geschäfts­mo­del­le gera­ten unter Druck, Kun­den­er­war­tun­gen bewe­gen sich und regu­la­to­ri­sche Anfor­de­run­gen grei­fen unmit­tel­bar in bestehen­de Abläu­fe ein. Mit­ar­bei­ten­de begeg­nen Fra­ge­stel­lun­gen, für die es noch kei­ne ein­ge­üb­te Lösung oder eta­blier­te Pro­zess­be­schrei­bung gibt. Füh­rungs­kräf­te sol­len Ori­en­tie­rung geben, wäh­rend sie selbst erst ver­ste­hen, was die Ver­än­de­rung für ihren Bereich bedeutet.

Wer soll unter die­sen Bedin­gun­gen heu­te schon zuver­läs­sig sagen kön­nen, was Men­schen in zwölf Mona­ten ler­nen müs­sen? Die­se Fra­ge macht deut­lich, wie schwer es sein kann, vor­aus­schau­end Lern­ak­ti­vi­tä­ten zu pla­nen, wenn wir uns nur in den alten Lern- und Denk­mus­tern bewegen.

70–20-10 Modell: Als Ler­nen noch gut plan­bar erschien

Ich erin­ne­re mich noch gut an einen News­let­ter, den ich 2016 im Kon­text von Cor­po­ra­te Lear­ning geschrie­ben habe. Damals beschäf­tig­te mich die 70–20-10-Modell. Das Kon­zept wur­de in den 1980er-Jah­ren von den For­schern Mor­gan McCall, Micha­el M. Lom­bar­do und Robert W. Eichin­ger ent­wi­ckelt und impli­ziert eine Grund­idee, wie die Zukunft des Ler­nens mit den dazu­ge­hö­ri­gen For­ma­ten und Maß­nah­men gewich­tet wer­den kön­nen. Das Modell führ­te qua­si den »Beweis«, dass die klas­si­schen Semi­na­re nur noch unter bestimm­ten Bedin­gun­gen und über­schau­bar benö­tigt wer­den wür­den. Viel­mehr soll­te in Zukunft viel Ent­wick­lung außer­halb klas­si­scher Semi­na­re statt­fin­den: im Arbeits­all­tag, durch Erfah­rung und im Aus­tausch mit ande­ren Men­schen. Dar­über wur­de bereits vor 10 Jah­ren dis­ku­tiert und erlebt gera­de ein Revival.

Schon damals war zu beob­ach­ten, dass Semi­nar­pro­gram­me allein mit der Geschwin­dig­keit des Arbeits­all­tags kaum Schritt hiel­ten. Trotz­dem blieb die grund­sätz­li­che Logik vie­ler Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bo­te erhal­ten: Fach­be­rei­che mel­de­ten einen Bedarf, die Per­so­nal­ent­wick­lung ent­wi­ckel­te oder beschaff­te ein Ange­bot, anschlie­ßend wur­de es in die Orga­ni­sa­ti­on gebracht. Auch Bil­dungs­dienst­leis­ter arbei­te­ten lan­ge erfolg­reich nach die­ser Logik: Ent­wick­lun­gen im Markt wur­den beob­ach­tet, Pro­gram­me kon­zi­piert und anschlie­ßend für mög­lichst vie­le Teil­neh­men­de ver­füg­bar gemacht. Ska­lier­bar­keit war ein Qua­li­täts­merk­mal; ein gutes Ange­bot soll­te repro­du­zier­bar sein.

Dahin­ter steckt eine Vor­stel­lung von Ler­nen, die stark von einer plan­ba­ren Arbeits­welt geprägt wur­de. Mit wach­sen­der Kom­ple­xi­tät wird die­se Vor­her­sa­ge schwieriger.

Was brauchst du, um Schritt hal­ten zu können?

Die­se Fra­ge klingt zunächst sinn­voll. In Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen stößt sie jedoch erstaun­lich schnell an Grenzen.

Eine Füh­rungs­kraft, deren Geschäfts­be­reich gera­de neu orga­ni­siert wird, kann schwer benen­nen, wel­che Fähig­kei­ten sie in sechs Mona­ten benö­ti­gen wird. Ein Kun­den­ser­vice erkennt mög­li­cher­wei­se erst beim Ein­satz eines neu­en Sys­tems, wel­che Rol­len, Ent­schei­dun­gen und Rou­ti­nen sich dadurch ver­än­dern. Men­schen kön­nen Bedar­fe vor allem dort prä­zi­se beschrei­ben, wo ihnen die Situa­ti­on bereits ver­traut ist.

Damit gera­ten auch klas­si­sche Bedarfs­er­he­bun­gen unter Druck. Wenn die Per­so­nal­ent­wick­lung Füh­rungs­kräf­te fragt, wel­che Schu­lun­gen ihre Mit­ar­bei­ten­den benö­ti­gen, erhält sie zwangs­läu­fig Ant­wor­ten aus der heu­ti­gen Arbeits­rea­li­tät – nicht aus der zukünftigen.

Ler­nen wird Teil der Entwicklung

Wenn ein Team eine neue KI-Anwen­dung erprobt, ent­steht Ler­nen bereits wäh­rend der Arbeit. Denn die Mit­ar­bei­ten­den ver­su­chen ihre Fra­gen so prä­zi­se und ver­ständ­lich wie mög­lich zu for­mu­lie­ren und mit den Ant­wor­ten wei­ter­zu­ar­bei­ten. Dane­ben beob­ach­ten Men­schen, wel­che Auf­ga­ben sich ver­än­dern. Sie ent­de­cken aber auch Gren­zen der Tech­no­lo­gie, ent­wi­ckeln neue Rou­ti­nen und begin­nen, ihr eige­nes Erfah­rungs­wis­sen neu zu bewer­ten. Häu­fig ent­ste­hen dabei Fra­gen, die vor Beginn des Pro­jekts noch nie­mand for­mu­liert hätte.

Ler­nen pas­siert im Job. Es wächst mit der Ver­än­de­rung. Für Orga­ni­sa­tio­nen ist das anspruchs­voll, weil meh­re­re Ent­wick­lun­gen ineinandergreifen:

  • Men­schen benö­ti­gen wei­ter­hin soli­des Fachwissen.
  • Gleich­zei­tig brau­chen sie Gele­gen­heit, Erfah­run­gen ein­zu­ord­nen, Annah­men zu über­prü­fen und gemein­sam her­aus­zu­fin­den, wel­che Vor­ge­hens­wei­sen unter neu­en Bedin­gun­gen tragen.

Man könn­te auch sagen, dass Ler­nen auf unter­schied­li­chen „Betriebs­sys­te­men“ statt­fin­det. Wis­sen bleibt dabei wich­tig, denn es schafft Ori­en­tie­rung und gibt Sicher­heit. Wis­sen ist z. B. für Rou­ti­ne­auf­ga­ben oder Feh­ler­ana­ly­sen unabdingbar.

Wir­kung wächst jedoch, wenn Men­schen Wis­sen mit ihren Erfah­run­gen ver­bin­den und dar­aus eige­nes Han­deln ent­wi­ckeln kön­nen. In die­sem Pro­zess des Tuns ent­wi­ckeln wir eine Spra­che für etwas noch Unbe­kann­tes: Wir ver­su­chen aus­zu­drü­cken, was es braucht, wer über sol­che Kom­pe­ten­zen intern ver­fügt und wel­che Mög­lich­kei­ten in einer Idee stecken.

Wer lernt, kann Ver­än­de­run­gen bes­ser beschrei­ben. Men­schen erken­nen Mus­ter, fin­den Begrif­fe für neue Erfah­run­gen und kön­nen ihre Beob­ach­tun­gen mit ande­ren tei­len. Aus einem dif­fu­sen Gefühl wie „Irgend­et­was funk­tio­niert hier gera­de nicht mehr“ kann eine gemein­sa­me Aus­ein­an­der­set­zung dar­über ent­ste­hen, wel­che Annah­men, Pro­zes­se oder Rol­len ange­passt wer­den sollten.

Eine Orga­ni­sa­ti­on lernt, wenn Men­schen gemein­sam Sinn herstellen

In vie­len Ver­än­de­rungs­pro­jek­ten beob­ach­ten wir, dass ein­zel­ne Mit­ar­bei­ten­de längst ver­stan­den haben, was sich ver­än­dert. Eine Per­son expe­ri­men­tiert bereits mit neu­en Werk­zeu­gen, eine ande­re erkennt früh ein Pro­blem im Pro­zess, jemand ande­res nimmt ver­än­der­te Kun­den­be­dürf­nis­se wahr. Die­se Erkennt­nis­se blei­ben jedoch häu­fig lokal. Sie ver­tei­len sich über Teams, Gesprä­che und per­sön­li­che Erfahrungen.

Orga­ni­sa­tio­na­le Lern­fä­hig­keit ent­steht dort, wo sol­che Beob­ach­tun­gen mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den kön­nen. Es braucht For­ma­te, um sich mit­ein­an­der gezielt oder zufäl­lig in die Lern­the­men zu ver­tie­fen. Es braucht Räu­me, in denen Men­schen Erfah­run­gen aus­tau­schen, Zusam­men­hän­ge erkun­den und klei­ne­re Ver­än­de­run­gen aus­pro­bie­ren können.

Ein Teil die­ses Ler­nens geschieht infor­mell im Arbeits­all­tag, ein ande­rer Teil braucht bewusst gestal­te­te Situa­tio­nen. Per­so­nal­ent­wick­lung über­nimmt in die­sem Ver­ständ­nis zuneh­mend die Auf­ga­be, sol­che Lern­be­we­gun­gen zu ermög­li­chen und mit den stra­te­gi­schen Fra­gen der Orga­ni­sa­ti­on zu verbinden.

Das ver­än­dert auch die Rol­le von Bil­dungs­dienst­leis­tern. Ihr Wert liegt künf­tig stär­ker dar­in, Lern­pro­zes­se zu beglei­ten, Ori­en­tie­rung anzu­bie­ten und Men­schen bei der Über­tra­gung in ihre jewei­li­ge Arbeits­si­tua­ti­on zu unter­stüt­zen. Ein Pro­gramm kann dafür wei­ter­hin wich­tig sein. Sei­ne Wir­kung ent­steht jedoch im Zusam­men­spiel mit dem Kon­text, in dem Men­schen anschlie­ßend handeln.

Ler­nen in unter­schied­li­chen Geschwindigkeiten

Kom­ple­xi­tät ver­langt von Men­schen kei­ne per­ma­nen­te Beschleu­ni­gung. Sie ver­langt Beweglichkeit.

Manch­mal braucht ein Team Zeit, um eine Situa­ti­on gründ­lich zu ver­ste­hen. An ande­rer Stel­le ist ein schnel­ler Ver­such sinn­vol­ler als eine wei­te­re Ana­ly­se. Man­che Erfah­run­gen las­sen sich unmit­tel­bar über­tra­gen, ande­re müs­sen erst über Wochen oder Mona­te reifen.

Auch dar­in unter­schei­det sich Ler­nen zuneh­mend vom alten Bild einer stan­dar­di­sier­ten Wei­ter­bil­dung. Men­schen bewe­gen sich in unter­schied­li­chen Geschwin­dig­kei­ten durch Ver­än­de­run­gen. Erfah­rungs­wis­sen spielt dabei eben­so eine Rol­le wie Neu­gier, kri­ti­sches Den­ken, Selbst­füh­rung und die Bereit­schaft, ver­trau­te Vor­ge­hens­wei­sen zu überprüfen.

Beson­ders wert­voll wird die Erfah­rung eige­ner Wirk­sam­keit. Wer erlebt, dass ein Ver­such zu einer neu­en Erkennt­nis führt und die­se Erkennt­nis anschlie­ßend etwas ver­bes­sert, ent­wi­ckelt Ver­trau­en in die eige­ne Fähig­keit, mit unbe­kann­ten Situa­tio­nen umzugehen.

Vom Lern­an­ge­bot zum Lernprozess

Für die Per­so­nal­ent­wick­lung ergibt sich dar­aus eine weit­rei­chen­de Ver­schie­bung. Die zen­tra­le Leis­tung besteht zuneh­mend dar­in, Ent­wick­lung mit Arbeit, Stra­te­gie und orga­ni­sa­tio­na­lem Ler­nen zu verbinden.

Bei Inno­spring den­ken wir die­se Bewe­gung im Inno­va­ti­on Lear­ning Loop wei­ter. Aus­gangs­punkt sind rea­le Her­aus­for­de­run­gen aus der Orga­ni­sa­ti­on. In kur­zen, ite­ra­ti­ven Pha­sen erkun­den Men­schen eine Situa­ti­on, ent­wi­ckeln gemein­sam ers­te Ant­wor­ten, sam­meln Erfah­run­gen in der direk­ten Anwen­dung und brin­gen ihre Erkennt­nis­se wie­der in die nächs­te Ent­wick­lungs­be­we­gung ein. Ler­nen beglei­tet Ver­än­de­rung auf die­se Wei­se kon­ti­nu­ier­lich – nah am Arbeits­all­tag und genau in der Geschwin­dig­keit der Organisation.

Für Bil­dungs­or­ga­ni­sa­tio­nen eröff­net die­se Per­spek­ti­ve eben­falls neue Mög­lich­kei­ten. Ange­bo­te kön­nen stär­ker mit rea­len Fra­ge­stel­lun­gen ver­bun­den wer­den, Teil­neh­men­de brin­gen ihre eige­nen Kon­tex­te ein und Erkennt­nis­se flie­ßen unmit­tel­bar in die Pra­xis zurück. Wei­ter­bil­dung wird dadurch anschluss­fä­hi­ger an eine Arbeits­welt, deren Anfor­de­run­gen sich wäh­rend des Ler­nens bereits weiterentwickeln.

Das Fabrik­mo­dell der Wei­ter­bil­dung hat lan­ge funk­tio­niert, weil Stan­dar­di­sie­rung und Vor­her­sag­bar­keit einen gro­ßen Teil unse­rer Arbeits­welt geprägt haben. Heu­te erle­ben Orga­ni­sa­tio­nen eine ande­re Rea­li­tät. Vie­les geschieht gleich­zei­tig, Ent­wick­lun­gen beein­flus­sen sich gegen­sei­tig und neue Fra­gen ent­ste­hen, wäh­rend wir bereits an den alten arbeiten.

Men­schen brau­chen dar­in mehr als Wis­sen über die nächs­te Ver­än­de­rung. Sie brau­chen Erfah­run­gen dar­in, wie Ler­nen selbst zu einem natür­li­chen Bestand­teil ihrer Arbeit wer­den kann. Denn eine Orga­ni­sa­ti­on, die ihre Zukunft nur über neue Kom­pe­ten­zen plant, wird der Dyna­mik ihrer Umwelt immer hin­ter­her­lau­fen. Eine Orga­ni­sa­ti­on, in der Men­schen gemein­sam beob­ach­ten, erkun­den, aus­pro­bie­ren und ihre Erfah­run­gen mit­ein­an­der tei­len kön­nen, ent­wi­ckelt etwas Dau­er­haf­te­res: die Fähig­keit, auch dann wei­ter­zu­ler­nen, wenn heu­te noch nie­mand genau sagen kann, was mor­gen gebraucht wird.