Creative Spaces: Spielraum statt Stillstand

Das Wort „play“ auf blauem Hintergrund als Symbol für Creative Spaces und spielerisches Lernen.

Wie Aka­de­mien, L&D‑Teams und Bil­dungs­dienst­leis­ter Unsi­cher­heit in ech­te Zukunfts­fä­hig­keit übersetzen.

Viel­leicht soll­ten wir in unse­ren Orga­ni­sa­tio­nen wie­der mehr spielen.

Dass das Maga­zin Neue Nar­ra­ti­ve eine sei­ner Aus­ga­ben unter das Mot­to „Komm ins Spiel!“ stellt, ist kein Zufall. Es mar­kiert eine spür­ba­re Ver­schie­bung in einer Arbeits­welt, die viel zu lan­ge ver­sucht hat, Kom­ple­xi­tät mit noch mehr Effi­zi­enz, Kenn­zah­len und Kon­trol­le zu begegnen.

Doch der Satz klingt zunächst ver­däch­tig leicht für eine Zeit, in der gera­de Bil­dungs­dienst­leis­ter, Aka­de­mien und L&D‑Teams mit sehr schwe­ren stra­te­gi­schen Fra­gen beschäf­tigt sind. Denn Künst­li­che Intel­li­genz stellt aktu­ell Lern- und Arbeits­wei­sen fun­da­men­tal auf den Kopf. Ver­trau­te Cur­ri­cu­la gera­ten in Bewe­gung, Fach­wis­sen altert schnel­ler als je zuvor und der wirt­schaft­li­che Druck auf Bil­dungs­dienst­leis­ter nimmt spür­bar zu. Auch außer­halb der Orga­ni­sa­tio­nen ist die Gegen­wart für vie­le Men­schen weni­ger bere­chen­bar geworden.

Und aus­ge­rech­net jetzt: spielen?

Viel­leicht gera­de deshalb.

Aller­dings reicht es für Bil­dungs­or­ga­ni­sa­tio­nen nicht aus, Spie­len nur als net­te Metho­de für den nächs­ten Team-Work­shop oder als ober­fläch­li­che Gami­fi­ca­ti­on zu begrei­fen. Wir müs­sen Spie­len orga­ni­sa­ti­ons­theo­re­tisch anders begrei­fen: Als geschütz­ten Expe­ri­men­tier­raum. Als Mög­lich­keit, eine Situa­ti­on pro­be­wei­se zu betre­ten, ohne bereits vor­her wis­sen zu müs­sen, was genau am Ende dabei her­aus­kommt. Wir ver­än­dern etwas, beob­ach­ten die Reso­nanz, ver­wer­fen eine Idee wie­der, grei­fen eine ande­re auf. Wir bewe­gen uns flie­ßend zwi­schen Vor­stel­lung und Erfahrung.

Das ist erstaun­lich nah an dem, was zukunfts­fä­hi­ge Bil­dungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Lern­be­rei­che heu­te brau­chen, um Inno­va­ti­ons­ent­wick­lung und orga­ni­sa­tio­na­les Ler­nen wirk­sam zu verankern.

Ein Raum, in dem noch nicht alles feststeht

Das Zukunfts­in­sti­tut ord­net Crea­ti­ve Spaces in sei­nem Trend­ra­dar als rele­van­ten Trei­ber der Wis­sens­kul­tur ein. Gemeint sind Räu­me, die Krea­ti­vi­tät, Aus­tausch und gemein­sa­mes Ent­wi­ckeln nach­hal­tig ermög­li­chen. Span­nend wird der Begriff für stra­te­gi­sches Han­deln aller­dings erst dann, wenn man „Space“ nicht vor­schnell mit einem bunt ein­ge­rich­te­ten Inno­va­ti­ons­raum abtut.

Ein Crea­ti­ve Space kann ein phy­si­scher Ort sein. Er kann aber genau­so für zwei Stun­den in einem Semi­nar ent­ste­hen, auf einer Fach­kon­fe­renz, in einem inter­dis­zi­pli­nä­ren Pro­jekt­team oder rund um einen Tisch, auf dem Men­schen eine Idee tat­säch­lich hap­tisch bau­en. Auch digi­ta­le und hybri­de Lern­um­ge­bun­gen gehö­ren dazu.

Der gemein­sa­me Nen­ner ist der Spiel­raum – und Spiel­raum bedeu­tet kei­nes­wegs Beliebigkeit.

Crea­ti­ve-Space: Der gemein­sa­me Spielraum

Wer ein­mal Kin­dern beim frei­en Spiel zuge­se­hen hat, kennt das Phä­no­men: Inner­halb kür­zes­ter Zeit ent­ste­hen kla­re Regeln. Die­ser Stuhl ist das Raum­schiff. Dort darf nie­mand hin. Du über­nimmst die­se Rol­le. Wenn Ereig­nis X ein­tritt, müs­sen wir anders reagie­ren. Die Regeln kön­nen sich dyna­misch anpas­sen, aber sie geben dem Gesche­hen zu jedem Zeit­punkt einen ver­läss­li­chen Rahmen.

Für inno­va­ti­ve Lern­for­ma­te ist genau die­se Ver­bin­dung essen­zi­ell: genü­gend Struk­tur, um psy­cho­lo­gi­sche Sicher­heit zu geben – und genü­gend Offen­heit, damit etwas ent­ste­hen kann, das vor­her nie­mand im Cur­ri­cu­lum geplant hat­te. Das macht die Eta­blie­rung von Crea­ti­ve Spaces zu einer zen­tra­len Steue­rungs­auf­ga­be für Füh­rungs­kräf­te in der Bil­dungs­bran­che und bei L&D‑Teams:

  • Wie viel metho­di­sche Offen­heit kön­nen unse­re Trainer:innen und Teams pro­duk­tiv nutzen?
  • Wel­che Sicher­heit brau­chen unse­re Teil­neh­men­den, um auch Unfer­ti­ges mutig zu zeigen?
  • Wo hat unse­re Orga­ni­sa­ti­on Räu­me bereits geschaf­fen, in denen eine Idee expli­zit auch schei­tern und neu gedacht wer­den darf?

Spie­len ist eine ernst­haf­te Designmethode

In der beruf­li­chen Wei­ter­bil­dung wird das Spie­len gern in die päd­ago­gi­sche Ecke gescho­ben. Dort ver­staubt es dann neben Auf­lo­cke­rungs­übun­gen, Ener­gi­zern und bun­tem Mode­ra­ti­ons­ma­te­ri­al. Das wird dem zugrun­de lie­gen­den Poten­zi­al jedoch nicht gerecht.

Kurz und Schwer (2023) beschrei­ben Spie­len aus der Per­spek­ti­ve des Designs. Inter­es­sant dar­an ist die Ver­schie­bung des Blicks: Ein Spiel ist eine bewusst gestal­te­te Situa­ti­on. Es besitzt kla­re Regeln, Mate­ria­li­en, Bezie­hungs­dy­na­mi­ken, Hand­lungs­op­tio­nen und Feed­back­schlei­fen. Men­schen agie­ren dar­in und erzeu­gen durch ihr Han­deln unmit­tel­ba­re Erfah­run­gen. Bereits Lin­dau­er und Mül­ler (2015) stell­ten her­aus, wie eng Spiel, expe­ri­men­tel­les Gestal­ten und nach­hal­ti­ge Lern­pro­zes­se mit­ein­an­der ver­wo­ben sind.

Damit wird das Spie­len für die Inno­va­ti­ons­ent­wick­lung für L&D‑Teams und Aka­de­mien hoch­re­le­vant. Denn was tun wir beim Expe­ri­men­tie­ren? Wir schaf­fen eine kon­trol­lier­te Situa­ti­on, ver­än­dern Varia­blen und beob­ach­ten das Ergeb­nis. Beim Pro­to­ty­p­ing geben wir einer vagen Vor­stel­lung eine vor­läu­fi­ge Form, um Erfah­run­gen zu sam­meln. Und beim Spie­len betre­ten wir eine gestal­te­te Situa­ti­on, um han­delnd zu erfah­ren, wel­che Mög­lich­kei­ten sich eröffnen.

Die Über­gän­ge sind flie­ßen­der, als unse­re klas­si­schen Begrif­fe ver­mu­ten lassen.

Erfah­rung ver­än­dert Orga­ni­sa­tio­nen – und Gehirne

Die Neu­ro­wis­sen­schaft lie­fert dafür ein star­kes Fun­da­ment: Das erwach­se­ne Gehirn ist kein starr ver­drah­te­tes Sys­tem. Auch der Neu­ro­bio­lo­ge Gerald Hüt­her betont, wie prä­gend Erfah­run­gen für unser Den­ken sind. Die neu­ro­na­le Plas­ti­zi­tät beschreibt genau die­se Fähig­keit des Ner­ven­sys­tems, sich durch kon­kre­tes Tun, prak­ti­sches Ler­nen und ver­än­der­te Anfor­de­run­gen umzu­struk­tu­rie­ren: Ver­bin­dun­gen ver­stär­ken sich durch Nut­zung, neue Erfah­run­gen hin­ter­las­sen phy­si­sche Spuren.

Für die Kon­zep­ti­on moder­ner Bil­dungs­an­ge­bo­te ist dies ein wich­ti­ger Ansatz. Ler­nen geschieht weni­ger dadurch, dass wir ein Kon­zept theo­re­tisch ver­stan­den haben. Ent­schei­dend ist, was wir tun, erpro­ben, kor­ri­gie­ren und in neu­en Kon­tex­ten am eige­nen Leib erfahren.

Man kann zwan­zig Foli­en über neu­es agi­les Arbei­ten in Ver­an­stal­tun­gen zei­gen. Oder man lässt ein Team eine Stun­de lang in einem Sze­na­rio agie­ren, in dem Ver­ant­wort­lich­kei­ten völ­lig neu ver­teilt sind. Man kann lan­ge über KI-Kom­pe­tenz spre­chen – oder man gibt einer Grup­pe die Auf­ga­be, mit gene­ra­ti­ver KI eine kom­ple­xe Ent­schei­dung vor­zu­be­rei­ten, und ana­ly­siert im Anschluss prä­zi­se: Wann ver­trau­en Sie dem Sys­tem? Wann wider­spre­chen Sie? Wer über­nimmt am Ende die Verantwortung?

Das zwei­te hin­ter­lässt eine tie­fe­re Art von Wis­sen. Es wur­de erlebt.

Mensch & Tech­no­lo­gie: War­um die ana­lo­gen Lern­or­te zurückkehren

Par­al­lel zur rasan­ten Ent­wick­lung digi­ta­ler Werk­zeu­ge beob­ach­ten wir ein span­nen­des Phä­no­men: Men­schen suchen wie­der ver­stärkt den „ech­ten“ Begeg­nungs­raum. Sie rei­sen zu Bar­camps, Tagun­gen, Work­shops und Netz­wer­ke­vents, obwohl rei­ne Infor­ma­tio­nen digi­tal viel schnel­ler und güns­ti­ger ver­füg­bar wären.

Der Grund: Wir suchen dort nicht mehr nach Infor­ma­ti­on, son­dern nach Vali­die­rung. Eine Annah­me, die am Bild­schirm logisch schien, prallt im Raum auf ech­te Pra­xis­er­fah­rung. Im spon­ta­nen Aus­tausch ent­steht die Reso­nanz, die kei­ne Agen­da pla­nen kann.

Prä­sen­ze­vents und Wei­ter­bil­dungs­for­ma­te wer­den so zu neu­en tem­po­rä­ren Crea­ti­ve Spaces. Sie sind die Aus­tausch­for­ma­te und Reso­nanz­or­te, in denen wir syn­the­tisch erzeug­te Ent­wür­fe und KI-gene­rier­te Stra­te­gien mit der ana­lo­gen Wirk­lich­keit kon­fron­tie­ren. Mit KI kön­nen wir Ideen beschleu­ni­gen und Sze­na­ri­en ver­viel­fa­chen. Was die­se Ideen aber sozi­al und orga­ni­sa­tio­nal aus­lö­sen, erfah­ren wir erst im ech­ten Dia­log miteinander.

#Create&Learn als Grundprinzip

Genau aus die­ser Hal­tung her­aus arbei­ten wir bei inno­spring mit Bil­dungs­dienst­leis­tern und Trans­for­ma­ti­ons­be­rei­chen: Nicht erst mona­te­lang ana­ly­sie­ren, son­dern im geschütz­ten Raum ins Tun kom­men, Erfah­run­gen sam­meln und Erkennt­nis­se sys­te­ma­tisch verdichten.

Aus die­sem Prin­zip ist unser Inno­va­ti­on Lear­ning Loop ent­stan­den: Crea­te. Expe­ri­ence. Learn. Repeat.

Zukunfts­fä­hi­ge Bil­dungs­or­ga­ni­sa­tio­nen war­ten nicht dar­auf, dass die Welt wie­der über­sicht­li­cher wird. Sie bau­en die Spiel­räu­me, in denen aus Unsi­cher­heit neue Gestal­tungs­kraft erwächst.