KI-Effizienzfalle: Warum Routinen für den Nachwuchs wichtig bleiben

Was bleibt, wenn Routinearbeit verschwindet? Was passiert mit dem Nachwuchs, wenn er durch KI ersetzt wird? Strategieentwicklung für den Nachwuchs

Künst­li­che Intel­li­genz wird in der Arbeits­welt mitt­ler­wei­le fast über­all ein­ge­setzt. Sie schreibt Berich­te, pro­gram­miert Codes, erstellt Gra­fi­ken und gene­riert Bil­der in Sekun­den­schnel­le. Das spart Zeit. Doch wer den Nach­wuchs weg­ra­tio­na­li­siert und das Ler­nen durch Ver­such und Irr­tum streicht, steu­ert direkt auf das krea­ti­ve Mit­tel­maß zu. Ein Plä­doy­er für den Mut zum Umweg.

War­um wir den Mut zum Umweg brau­chen, um nicht krea­tiv zu verarmen

Stell dir vor, du betrittst eine renom­mier­te Wer­be­agen­tur. Die Tische sind leer, die Skiz­zen­blö­cke und Post-its sind unbe­rührt. Die fahr­ba­ren White­boards ste­hen still in der Ecke. Auf den gro­ßen Screens fla­ckern bereits fer­ti­ge Cus­to­mer Jour­ney Maps, Kun­den-Per­so­nas und Pro­to­ty­pen. Gene­riert von einer Künst­li­chen Intel­li­genz in weni­gen Mil­li­se­kun­den. Effi­zi­ent? Abso­lut. Inspi­rie­rend? Kaum.

In unse­ren täg­li­chen Gesprä­chen mit Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten erle­ben wir der­zeit eine inten­si­ve Debat­te dar­über, ob Azu­bi- und Trai­nee­stel­len im Zeit­al­ter gene­ra­ti­ver KI über­haupt noch not­wen­dig sind. Jetzt schon sehen wir, dass vie­le Ein­stiegs­po­si­tio­nen unbe­setzt blei­ben und Nach­wuchs­stel­len weni­ger aus­ge­schrie­ben wer­den. Und ganz ehr­lich: Als wir das ers­te Mal in einem Pro­jekt vor der Fra­ge stan­den, ob wir Rou­ti­ne­auf­ga­ben nicht viel schnel­ler aus­la­gern soll­ten, fühl­te sich das auch für uns erst mal nach einer cle­ve­ren Schach­zug an. Doch beim genaue­ren Hin­schau­en spü­ren wir da eine ech­te Span­nung: Es ist eine schlei­chen­de, exis­ten­ti­el­le Gefahr für die gesam­te Inno­va­ti­ons­kraft und Zukunfts­fä­hig­keit einer ler­nen­den Organisation. 

Vom Hand­werk zum Knopf­druck: Was bleibt, wenn die Rou­ti­ne verschwindet?

Bis­her ver­lief der Ein­stieg in die Berufs­welt nach einem kla­ren Mus­ter. Juni­ors, Trai­nees und Werk­stu­die­ren­de über­nah­men die klas­si­schen Rou­ti­ne­auf­ga­ben. In der Inno­va­ti­ons­welt bedeu­te­te das: Tran­skrip­tio­nen von Nut­zer­inter­views anfer­ti­gen, unzäh­li­ge Post-its sor­tie­ren oder ein­fa­che Bench­mark-Ana­ly­sen aus­wer­ten und Prä­sen­ta­tio­nen erstellen. 

Die­se Auf­ga­ben wer­den heu­te per Knopf­druck von KI-Tools erle­digt. Doch hin­ter die­ser ver­meint­li­chen Befrei­ung ver­birgt sich eine fun­da­men­ta­le Fra­ge: Was brau­chen wir eigent­lich, um tief in ein The­ma ein­zu­tau­chen, um es wirk­lich zu ver­ste­hen? Und was pas­siert mit unse­rer Lern­fä­hig­keit, wenn die­se Tätig­kei­ten ersatz­los wegfallen?

Was Ler­nen braucht 

Ler­nen ist kein rein theo­re­ti­scher Akt. Mensch­li­che Kom­pe­tenz baut auf Wie­der­ho­lung, auf dem Begrei­fen von Details und vor allem auf dem Erle­ben von Reso­nanz auf. Wenn wir 50 Inter­views geführt, es hän­disch tran­skri­biert und codiert haben, ent­wi­ckeln wir ein tie­fes, fast intui­ti­ves Empa­thie-Gefühl für die Nuan­cen in den Stim­men der Nut­zen­den. Wir ler­nen, zwi­schen den Zei­len zu lesen. Wenn die­se fun­da­men­ta­le Basis­ar­beit weg­fällt, fehlt dem Nach­wuchs frü­hes, selbst erwor­be­nes Pra­xis­wis­sen, an das sich spä­ter impli­zi­tes Erfah­rungs­wis­sen ando­cken kann. Das Gehirn braucht die­se Schleif­ar­beit, um neu­ro­na­le Ver­knüp­fun­gen für kom­ple­xe­re Auf­ga­ben auf­zu­bau­en. Wenn wir nur noch die per­fek­ten KI-Syn­the­sen kon­su­mie­ren, ver­küm­mern die kogni­ti­ven Mus­keln, bevor sie über­haupt voll aus­ge­bil­det sind.

De-Skil­ling: Wenn Fähig­kei­ten verkümmern

In der Arbeits­psy­cho­lo­gie wird in die­sem Kon­text ver­mehrt vor dem soge­nann­ten „De-Skil­ling“ gewarnt. Fähig­kei­ten, die wir im All­tag nicht mehr aktiv nut­zen, gehen unwei­ger­lich ver­lo­ren. Wie rasant die­ser Effekt auf unse­re Eigen­in­itia­ti­ve ein­zahlt, konn­ten wir kürz­lich auf einer New Work Netz­werk­ver­an­stal­tung live beobachten.

Wir waren Teil einer Ses­si­on mit rund 40 Teil­neh­men­den. Wir stell­ten den Teams in Vie­rer­grup­pen eine kna­cki­ge, drei­tei­li­ge Auf­ga­be. Nach Ablauf der Arbeits­zeit frag­ten wir im Publi­kum, wie die Lösun­gen ent­stan­den sind: Wer hat kom­plett ana­log gear­bei­tet, wer assis­tie­rend mit KI und wer hat die Auf­ga­be voll­stän­dig an die KI dele­giert? Das ver­blüf­fen­de Ergeb­nis: Nur drei Grup­pen hat­ten gänz­lich auf KI ver­zich­tet. Und genau die­se drei Teams waren die ein­zi­gen, die sich sofort und ohne Zögern zutrau­ten, ihr Ergeb­nis auf der Büh­ne zu präsentieren!

Als wir im gemein­sa­men Dia­log nach dem War­um frag­ten, kamen wir schnell zum Kern: Weil sie die Lösung im Team von Grund auf selbst durch­dacht hat­ten. Es gab Rei­bung, Dis­kus­sio­nen, ver­wor­fe­ne Ideen – kurz: Es war zu 100 Pro­zent ihre Lösung. Die Grup­pen, die sich auf den Algo­rith­mus ver­las­sen hat­ten, spür­ten die­se tie­fe Ver­bin­dung zum Inhalt nicht. Ihnen fehl­te das Fun­da­ment, um das Ergeb­nis selbst­be­wusst zu vertreten.

Ein Orga­ni­sa­ti­ons­ri­si­ko

Für eine ler­nen­de Orga­ni­sa­ti­on birgt die­ses Phä­no­men ein mas­si­ves stra­te­gi­sches Risi­ko. Wenn die nach­rü­cken­de Gene­ra­ti­on kei­ne Gele­gen­heit mehr bekommt, Erfah­run­gen und Feh­ler im Klei­nen zu machen und eige­ne Gedan­ken zu vali­die­ren, wie soll sie dann jemals kom­ple­xe, stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen im Gro­ßen tref­fen? Wer nie gelernt hat, ein unstruk­tu­rier­tes, chao­ti­sches Gespräch selbst zu ord­nen, weil die KI sofort das sau­be­re Pro­to­koll lie­fert, ver­liert die Fähig­keit zur pri­mä­ren Problemlösung.

Orga­ni­sa­tio­nen, die ihre Nach­wuchs­auf­ga­ben kom­plett an Algo­rith­men dele­gie­ren, trock­nen ihre eige­ne inno­va­ti­ven Nähr­bo­den aus. Kurz­fris­tig steigt die Mar­ge, weil der Out­put schnel­ler steht. Lang­fris­tig ent­steht jedoch eine gefähr­li­che Abhän­gig­keit von tech­no­lo­gi­schen Stan­dard-Mus­tern. Das Unter­neh­men ver­liert sei­ne Fähig­keit zur Eigen­in­itia­ti­ve, zur kri­ti­schen Eva­lua­ti­on und zur Innovationsfähigkeit.

Die drei Stu­fen der Krea­ti­vi­tät

Um die Trag­wei­te die­ses Ver­lusts zu ver­ste­hen, hilft uns ein Blick auf die Arbeit der Kogni­ti­ons­wis­sen­schaft­le­rin Mar­ga­ret Boden zur Natur der mensch­li­chen Krea­ti­vi­tät. Sie schaut durch drei ver­schie­de­ne „Schlüs­sel­lö­cher“ auf unsere 

  1. Die kom­bi­na­to­ri­sche Krea­ti­vi­tät: Das neue, spie­le­ri­sche Ver­knüp­fen von bereits bekann­ten Ideen. Hier sind gene­ra­ti­ve KI-Model­le unschlag­bar. Sie durch­fors­ten Mil­li­ar­den Daten­sät­ze und wer­fen uns blitz­schnell über­ra­schen­de Kom­bi­na­tio­nen aus.
  2. Die explo­ra­ti­ve Krea­ti­vi­tät: Das sys­te­ma­ti­sche Durch­for­schen eines bestehen­den Raums inner­halb eta­blier­ter Regeln. Ein KI-Tool kann im Design-Pro­zess im Hand­um­dre­hen zwan­zig ver­schie­de­ne Vari­an­ten für einen Bezahl­vor­gang aus­ge­ben, die alle den gän­gi­gen UI-Regeln entsprechen.
  3. Die trans­for­ma­tio­na­le Krea­ti­vi­tät: Das radi­ka­le Ver­än­dern der Spiel­re­geln selbst – das Spren­gen des bestehen­den Rah­mens, um völ­lig neue Denk- und Hand­lungs­räu­me zu eröffnen.

Genau bei der zwei­ten und vor allem bei der drit­ten Stu­fe ste­chen die Gren­zen der Maschi­ne und die Stär­ken des Men­schen her­vor. Denn wah­re Explo­ra­ti­on und ech­te Trans­for­ma­ti­on erfor­dern Ele­men­te, die kein Algo­rith­mus besitzt: Eigen­in­itia­ti­ve, getrie­ben von mensch­li­cher Intui­ti­on, ech­ter Empa­thie und dem bewuss­ten Mut zum Risiko.

War­um Explo­ra­ti­on und Trans­for­ma­ti­on rei­ne Men­schen­sa­che sind

Ein KI-Modell opti­miert immer nur den Sta­tus quo basie­rend auf der Ver­gan­gen­heit. Es wird von sich aus nie den Impuls ver­spü­ren, ein kom­plett neu­es Ser­vice-Öko­sys­tem zu erfin­den, das mit den bis­he­ri­gen Markt­ge­set­zen bricht. Dazu braucht es den mensch­li­chen Geist, der sich über Logi­ken hin­weg­setzt, unlo­gi­sche Quer­ver­bin­dun­gen zieht und den Sta­tus quo emo­tio­nal hin­ter­fragt. Span­nun­gen wir­ken hier wie Treib­stoff: Wenn wir jedoch die ers­te Stu­fe – die kom­bi­na­to­ri­sche Fleiß­ar­beit – kom­plett aus­la­gern und den Nach­wuchs gar nicht erst ein­stel­len, neh­men wir den Men­schen die Start­ram­pe für die Stu­fen zwei und drei. Trans­for­ma­ti­on ent­steht nicht im luft­lee­ren Raum. Sie ist das Ergeb­nis einer lan­gen, oft anstren­gen­den Aus­ein­an­der­set­zung mit der Rea­li­tät der ers­ten Stufe.

3 Tipps für den „Inno­va­ti­on Lear­ning Loop“: Wie wir den Krea­tiv-Mus­kel im Team fit halten

Wie ent­kom­men wir also der ver­lo­cken­den Effi­zi­enz­fal­le, ohne uns dem tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt zu ver­schlie­ßen? Die Lösung liegt in einer bewuss­ten Neu­ge­stal­tung unse­rer Arbeits- und Lern­pro­zes­se. Wir emp­feh­len Unter­neh­men, einen „Inno­va­ti­on Lear­ning Loop“ fest im orga­ni­sa­tio­na­len Fun­da­ment zu ver­an­kern, um den krea­ti­ven Mus­kel im Team aktiv zu trai­nie­ren. Hier sind drei prak­ti­sche Impul­se, wie das im All­tag gelin­gen kann:

  1. Geschütz­te Expe­ri­men­tier­räu­me schaf­fen: Eta­bliert im Team Zonen, in denen Auf­ga­ben im ers­ten Schritt ganz bewusst ana­log und ohne KI gelöst wer­den müs­sen. In einer Inno­va­tions-Werk­statt oder im sozia­len Sek­tor bedeu­tet das bei­spiels­wei­se: Die ers­te Kon­zept­pha­se für ein neu­es Pro­jekt star­tet auf dem klas­si­schen White­board, mit ech­ten Post-its oder hän­di­schen Pro­to­ty­pen aus Pap­pe. Das zwingt uns dazu, wie­der mit­ein­an­der ins Gespräch zu kom­men und die Rei­bung aus­zu­hal­ten, aus der ech­te Ideen entstehen.
  2. Einen „Digi­ta­len Span­nungs­spei­cher“ nut­zen: Bevor die KI ein fer­ti­ges Kon­zept aus­spuckt, sam­melt im Team die unfer­ti­gen Fra­gen, Bauch­schmer­zen und Unklar­hei­ten. Nutzt Tools wie Trel­lo oder Miro als trans­pa­ren­ten Spei­cher für alles, was sich noch „unfer­tig“ anfühlt. Das gibt dem Nach­wuchs die Büh­ne, eige­ne Unsi­cher­hei­ten und krea­ti­ve Ansät­ze angst­frei einzubringen.
  3. Wert­schät­zend hin­ter­fra­gen ler­nen: Nutzt KI-Ergeb­nis­se nicht als fina­le Ant­wort, son­dern als Spar­rings­part­ner. Trai­niert vor allem die jun­gen Team­mit­glie­der dar­in, die Algo­rith­men bewusst her­aus­zu­for­dern. For­mu­lie­run­gen im Mee­ting wie „Das KI-Ergeb­nis ist logisch, aber uns fehlt hier die mensch­li­che Kom­po­nen­te“ oder „Wir benö­ti­gen hier Feed­back, wie wir die emo­tio­na­le Ebe­ne stär­ken kön­nen“ hel­fen, die kri­ti­sche Eva­lua­ti­on und die eige­ne Krea­ti­vi­tät wachzuhalten.

Ver­än­de­rungs­po­ten­tia­le ent­ste­hen, wenn wir eige­ne Erfah­run­gen erlau­ben und den Nach­wuchs bewusst durch die Lern­pro­zes­se beglei­ten. Pro­biert es mit eurem Team ein­fach mal aus!