Vom Produkt zum Lernprozess

Wildwuchs aus dem Magazin innospring - neues wächst. Reibung & Resonanz im Zukunftsfeld Bildung & Impact mit Stefanie Meise

Warum die Wertschöpfung von L&D und Bildungsanbietern vor dem eigentlichen Lernangebot beginnt

KI pro­du­ziert heu­te in weni­gen Minu­ten Lern­in­hal­te, für die Bil­dungs­dienst­leis­ter, Trainer:innen und E‑Lear­ning-Desi­gner frü­her Tage brauch­ten. Das treibt den Markt und ver­än­dert mehr als nur die Con­tent­pro­duk­ti­on. Es wirft die Fra­ge auf, wel­che Rol­le Bil­dungs­dienst­leis­ter und L&D in Orga­ni­sa­tio­nen künf­tig eigent­lich spie­len und wie sie auf die rasan­ten Ent­wick­lun­gen klu­ge Ant­wor­ten ent­wi­ckeln können.

In der Pra­xis sehen wir das immer häu­fi­ger: Ein neu­es The­ma wird auf die Agen­da gesetzt und beschäf­tigt gan­ze Abtei­lun­gen und kurz dar­auf gibt es ein Trai­ning für die Beleg­schaft. Das war lan­ge geleb­te Pra­xis. Unter­neh­men kauf­ten Fach­wis­sen, Didak­tik und Pro­duk­ti­on bei Bil­dungs­dienst­leis­tern ein. Die inter­ne Per­so­nal­ent­wick­lung orga­ni­sier­te die Ange­bo­te und Mit­ar­bei­ten­de nah­men teil.

Die­se Arbeits­tei­lung wird gera­de unschär­fer. Fach­be­rei­che bau­en eige­ne Com­mu­ni­ties auf, L&D‑Teams erstel­len mit KI selbst Lern­ma­te­ria­li­en und Mit­ar­bei­ten­de grei­fen direkt auf Wis­sen zu. Für eine ers­te Lern­stre­cke, Fall­bei­spie­le oder Übun­gen braucht es heu­te weder einen Bil­dungs­dienst­leis­ter noch ein gro­ßes Produktionsbudget.

Das bedeu­tet nicht, dass Orga­ni­sa­tio­nen weni­ger ler­nen müs­sen. Eher im Gegen­teil. KI ver­än­dert Tätig­kei­ten und Rol­len, Wis­sen ver­al­tet schnel­ler und neue Fähig­kei­ten wer­den gebraucht. Nur folgt dar­aus nicht auto­ma­tisch ein wach­sen­der Markt für klas­si­sche Weiterbildung.

Für Bil­dungs­dienst­leis­ter ent­steht dar­aus eine exis­ten­zi­el­le Fra­ge: „Was bleibt vom eigent­li­chen Geschäfts­kern, wenn die rei­ne Con­ten­ter­stel­lung für digi­ta­le Lern­for­ma­te kein exklu­si­ves Spe­zi­al­wis­sen mehr erfordert?“

Content und Lernen sind zwei verschiedene Dinge

Viel­leicht hilft ein Bei­spiel. Ein Unter­neh­men stellt fest, dass sei­ne Füh­rungs­kräf­te mehr über gene­ra­ti­ve KI ler­nen sol­len. Ein ent­spre­chen­des Trai­nings­pro­gramm lässt sich schnell ent­wi­ckeln. Es geht um Grund­la­gen, Use Cases, Promp­ting, recht­li­che Fra­gen, Übun­gen – fer­tig. Nur wis­sen wir damit noch nicht, wel­ches Pro­blem die Orga­ni­sa­ti­on tat­säch­lich lösen möchte.

Viel­leicht ken­nen die Füh­rungs­kräf­te die Tech­no­lo­gie noch zu wenig. Viel­leicht wis­sen sie längst genug, fin­den aber kei­ne sinn­vol­len Anwen­dun­gen in ihren Teams. Oder die Mit­ar­bei­ten­den expe­ri­men­tie­ren bereits, wäh­rend Füh­rung und Orga­ni­sa­ti­on noch kei­ne gemein­sa­me Hal­tung dazu ent­wi­ckelt haben.

In mei­ner täg­li­chen Arbeit bei inno­spring sehe ich genau das immer wie­der: Aus ein und der­sel­ben Über­schrift – „KI-Kom­pe­tenz für Füh­rungs­kräf­te“ – ent­ste­hen in der Rea­li­tät völ­lig unter­schied­li­che Bedarfe.

Denn die ent­schei­den­de Arbeit beginnt vor dem Con­tent und dem Promp­ting. Wir müs­sen beob­ach­ten, nach­fra­gen, Zusam­men­hän­ge erken­nen und unter­schei­den kön­nen: Fehlt hier Wis­sen? Erfah­rung? Aus­tausch? Ori­en­tie­rung? Oder muss die Orga­ni­sa­ti­on etwas aus­pro­bie­ren, für das es noch gar kein fer­ti­ges Wis­sen gibt?

Für Bil­dungs­dienst­leis­ter ver­schiebt sich damit ein Teil der Wert­schöp­fung. Wer erst hin­zu­kommt, wenn For­mat, Ziel­grup­pe und The­ma bereits fest­ste­hen, über­nimmt vor allem Pro­duk­ti­on und Durch­füh­rung. Wer frü­her betei­ligt ist, kann mit der Orga­ni­sa­ti­on her­aus­fin­den, was über­haupt gelernt wer­den muss.

Was die Bildungsbranche von Agenturen lernen kann

Sol­che Ver­schie­bun­gen gibt es auch in ande­ren Bran­chen – wie etwa bei Wer­be- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­agen­tu­ren, und hier ganz beson­ders bei Digitalagenturen.

Im Agen­cy Report DACH 2026 gaben 76 Pro­zent der befrag­ten Agen­tur­ver­ant­wort­li­chen an, ihre Posi­tio­nie­rung bereits ver­än­dert zu haben. Laut einer Befra­gung von iBusi­ness wol­len 66 Pro­zent der befrag­ten Digi­ta­l­agen­tu­ren künf­tig stär­ker in die Bera­tung von Geschäfts­pro­zes­sen einsteigen.

Das ist deut­lich eine Kon­se­quenz durch den Ein­satz von KI. Wenn Text, Gestal­tung oder Pro­gram­mie­rung schnel­ler pro­du­ziert wer­den kön­nen, gera­ten Leis­tun­gen unter Druck, deren Wert stark über Pro­duk­ti­ons­auf­wand und Arbeits­zeit erklärt wur­de. Leis­tun­gen aus dem Bereich der „ver­län­ger­ten Werk­bank“ fal­len immer häu­fi­ger weg.

Inter­es­sant ist, wohin sich die Agen­tu­ren bewe­gen: Sie rücken näher an das Pro­blem ihrer Kun­den. Sie beschäf­ti­gen sich mit Pro­zes­sen, Ent­schei­dun­gen und Geschäfts­mo­del­len – also mit Fra­gen, die geklärt wer­den müs­sen, bevor etwas gestal­tet oder pro­gram­miert wird.

Natür­lich wird eine Digi­ta­l­agen­tur dadurch nicht auto­ma­tisch zur guten Stra­te­gie­be­ra­tung. Aber wenn ich auf die­se Par­al­le­le bli­cke, wird ein kla­res Mus­ter sicht­bar: Wenn Pro­duk­ti­on leich­ter ver­füg­bar wird, wan­dert der eigent­li­che Wert an eine frü­he­re Stel­le im Pro­zess. Das macht die Neu­aus­rich­tung des Geschäfts­mo­dells für vie­le Unter­neh­men zu einer Fra­ge der Existenz.

Für die Bil­dungs­bran­che liegt in die­sem Par­al­lel­lauf eine deut­li­che War­nung: Auch sie läuft Gefahr, als ver­län­ger­te Werk­bank aus­tausch­bar zu wer­den. Auch Bil­dungs­dienst­leis­ter haben viel Kom­pe­tenz rund um Pro­duk­ti­on auf­ge­baut. Das wird wei­ter­hin gebraucht, doch Orga­ni­sa­tio­nen stel­len einen wach­sen­den Teil davon selbst her. Das hat direk­te Kon­se­quen­zen: Wer den eige­nen Wert wei­ter­hin pri­mär über das Anbie­ten ein­zel­ner For­ma­te defi­niert, bin­det sei­ne Wert­schöp­fung an Leis­tun­gen, die zuse­hends aus­tausch­bar wer­den. Der Schlüs­sel liegt dar­in, den Fokus von der rei­nen Erstel­lung weg und hin zur Beglei­tung der Pro­zes­se zu verlagern.

L&D steckt im selben Veränderungsprozess

Die Ver­schie­bung betrifft nicht nur exter­ne Anbie­ter. Auch inner­halb von Orga­ni­sa­tio­nen ver­än­dert sich die Arbeit von Lear­ning & Development.

Lan­ge ließ sich die­se Arbeit recht gut über Ange­bo­te beschrei­ben: Pro­gram­me ent­wi­ckeln, Trai­nings orga­ni­sie­ren, Anbie­ter aus­wäh­len, Lern­platt­for­men betrei­ben. Doch die Zahl der Schu­lun­gen sagt wenig dar­über aus, wie gut eine Orga­ni­sa­ti­on tat­säch­lich lernt.

Denn wenn man genau hin­sieht, ent­ste­hen Ler­nen und Ent­wick­lung längst in Pro­jek­ten, oft bevor dar­aus ein offi­zi­el­les Lern­an­ge­bot wird. Mit­ar­bei­ten­de sam­meln Erfah­run­gen mit KI, ent­wi­ckeln Work­arounds oder ver­än­dern Pro­zes­se. Sie geben sich Feed­back und holen Input ein, um ein Pro­blem zu lösen. Wis­sen ent­steht also mit­ten in der Arbeit. Und das wird nicht auto­ma­tisch für ande­re zugänglich.

Hier bekommt L&D eine ande­re Auf­ga­be: wahr­neh­men, wo in der Orga­ni­sa­ti­on bereits gelernt wird, Erfah­run­gen mit­ein­an­der ver­bin­den und Räu­me schaf­fen, in denen dar­aus gemein­sa­mes Wis­sen ent­ste­hen kann. Das rückt inter­ne L&D‑Teams und exter­ne Bil­dungs­dienst­leis­ter näher zusam­men. Bei­de beschäf­ti­gen sich zuneh­mend mit der Fra­ge, wie Ler­nen in einer Orga­ni­sa­ti­on ermög­licht und gestal­tet wer­den kann. Der eine von innen, der ande­re von außen.

Vielleicht brauchen wir weniger Lernangebote 

Weni­ger Lern­an­ge­bo­te und dafür mehr ein neu­es Ver­ständ­nis von Ler­nen? Das klingt zunächst para­dox, denn die Erwar­tun­gen an den Nut­zen von Wei­ter­bil­dung stei­gen, wäh­rend die Bud­gets spür­bar unter Druck gera­ten. Stu­di­en wie der McK­in­sey HR Moni­tor 2026 zei­gen sin­ken­de Pro-Kopf-Aus­ga­ben, wäh­rend der TÜV-Ver­band offen­legt: Mehr als die Hälf­te der Unter­neh­men nutzt bereits gene­ra­ti­ve KI, aber nicht ein­mal ein Drit­tel hat die Beleg­schaft dafür geschult.

Orga­ni­sa­tio­nen ste­hen vor einem Dilem­ma: Sie müs­sen in kur­zer Zeit viel Neu­es ler­nen und gleich­zei­tig mit ihren Res­sour­cen haus­hal­ten. Ein gut besuch­tes Semi­nar löst die­sen Ziel­kon­flikt nicht.

Aus mei­ner Sicht geht es des­halb weni­ger um das nächs­te Ein­zel­an­ge­bot, son­dern um ein neu­es Ver­ständ­nis davon, wie Ler­nen in Orga­ni­sa­tio­nen ermög­licht wird. Das klingt im ers­ten Moment oft nach star­ren Regel­wer­ken oder kom­ple­xen Lern­struk­tu­ren. Gemeint ist jedoch das Gegen­teil: Es geht dar­um, eine leben­di­ge Lern­kul­tur durch durch­dach­te Lern­um­ge­bun­gen zu unter­stüt­zen und die Schnitt­stel­len im All­tag so zu gestal­ten, dass Ler­nen fle­xi­bel dort ent­ste­hen kann, wo gear­bei­tet wird. Nicht die rei­ne Zahl der Semi­na­re ent­schei­det, son­dern wie Abläu­fe, Räu­me und For­ma­te wirk­sam ineinandergreifen.

Die Bildungsbranche muss ihren Wert neu verorten

Genau dar­in liegt eine gro­ße Chan­ce für Bildungsdienstleister.

Sie müs­sen nicht auf­hö­ren, gute Inhal­te zu ent­wi­ckeln. Sie müs­sen auch nicht alle ihre Geschäfts­mo­del­le über den Hau­fen wer­fen. Aber es braucht eine Klar­heit, an wel­cher Stel­le im Lern­pro­zess ihr eigent­li­cher Wert entsteht.

Liegt er in der Pro­duk­ti­on von Con­tent, der bald auch intern her­ge­stellt wer­den kann? In der fach­li­chen Exper­ti­se? In der Dia­gno­se? In der Fähig­keit, unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven zusam­men­zu­brin­gen? Im Auf­bau durch­dach­ter Lern­um­ge­bun­gen? Oder dar­in, eine Orga­ni­sa­ti­on über län­ge­re Zeit beim Ler­nen und Expe­ri­men­tie­ren zu begleiten?

Dar­auf wird es unter­schied­li­che Ant­wor­ten geben. Eine Aka­de­mie wird sie anders beant­wor­ten als ein EdTech-Unter­neh­men, ein spe­zia­li­sier­ter Bil­dungs­an­bie­ter anders als ein inter­nes L&D‑Team. Gera­de des­halb ist die Fra­ge strategisch.

Ich bin über­zeugt: Die Zukunft liegt dar­in, neue Ange­bo­te, zukunfts­si­che­re Abläu­fe und wirk­sa­me For­men der Zusam­men­ar­beit gemein­sam mit den Orga­ni­sa­tio­nen zu gestalten.