Warum Lernorganisationen beginnen, ihre Services neu zu bauen

Zwischen Lernplattform, Beratung und Kommunikation: Warum Service Design für Lernorganisationen immer relevanter wird.

Über Service Design, Lernorganisationen und die Frage, weshalb viele Prozesse heute neu gedacht werden müssen.

Wel­che digi­ta­len Erfah­run­gen ver­bin­det eine Lern­wil­li­ge Per­son, noch bevor sie sich für eine Wei­ter­bil­dung ent­schie­den hat oder sich gar ange­mel­det hat? Men­schen, die heu­te ein beruf­li­ches Update brau­chen, sich wei­ter­ent­wi­ckeln oder neue Kom­pe­ten­zen auf­bau­en möch­te, bewegt sich durch eine erstaun­lich kom­ple­xe Land­schaft, die nicht sel­ten in einem Frus­t­er­leb­nis endet. Das muss sich ändern!

Sie recher­chie­ren auf Platt­for­men, ver­glei­chen Ange­bo­te, fra­gen Kolleg:innen nach Erfah­run­gen, sprin­gen zwi­schen Web­sei­ten, Lern­por­ta­len und Gesprä­chen hin und her. Man­che suchen sehr kon­kret nach einer Qua­li­fi­zie­rung. Ande­re ver­su­chen zunächst her­aus­zu­fin­den, wel­ches Wis­sen ihnen über­haupt fehlt. Wie­der ande­re ste­hen mit­ten in beruf­li­chen Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen und brau­chen weni­ger ein Ange­bot als Orientierung.

Für Lern­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­än­dert sich dadurch gera­de mehr als nur Kommunikation.

Denn die Qua­li­tät von Ler­nen wird längst nicht mehr aus­schließ­lich über Inhal­te wahr­ge­nom­men. Men­schen erle­ben Orga­ni­sa­tio­nen als Gesamt­sys­tem: über Reak­ti­ons­ge­schwin­dig­keit, Ver­ständ­lich­keit, Über­gän­ge zwi­schen Kon­takt­punk­ten, digi­ta­le Schnitt­stel­len, Bera­tung, Buchungs­pro­zes­se oder die Fra­ge, ob sich ein Ange­bot über­haupt anschluss­fä­hig an die eige­ne Situa­ti­on anfühlt.

Die eigent­li­chen Erfah­run­gen mit dem Dienst­leis­tungs­pro­zess beginnt des­halb oft lan­ge vor dem ers­ten Semi­nar, Work­shop oder Login.

Und genau dort wird Ser­vice Design interessant.

Ser­vice Design beschäf­tigt sich sel­ten nur mit digi­ta­len Oberflächen

Der Begriff taucht inzwi­schen in vie­len Kon­tex­ten auf — häu­fig ver­bun­den mit UX, digi­ta­len Platt­for­men oder Cus­to­mer Expe­ri­ence. Tat­säch­lich beschreibt Ser­vice Design jedoch eine deut­lich grund­le­gen­de­re Per­spek­ti­ve: Wie gestal­ten Orga­ni­sa­tio­nen inter­ne oder exter­ne Pro­zes­se so, dass Men­schen sich sinn­voll durch sie bewe­gen können?

Das betrifft nicht nur Inter­faces oder ein­zel­ne Kontaktpunkte.

Es geht um Zusam­men­hän­ge, dar­um wel­che Erfah­run­gen der Mensch ins­ge­samt macht.

  • Wie wird der Pro­zess wahrgenommen?
  • Wie ent­ste­hen Über­gän­ge zwi­schen Teams?
  • Wel­che Infor­ma­tio­nen ste­hen an wel­cher Stel­le zur Verfügung?
  • Wo ent­ste­hen Reibungen?
  • Wel­che Pro­zes­se ori­en­tie­ren sich eher an inter­nen Zustän­dig­kei­ten als an tat­säch­li­chen Nutzungssituationen?
  • Wo, in wel­chen Pro­zess-Schrit­ten ver­lie­ren wir Nutzer:innen?

Gera­de Bil­dungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Learning-&-Development-Teams ken­nen die­ses Span­nungs­feld sehr gut: Vie­le Struk­tu­ren sind über Jah­re ent­lang orga­ni­sa­to­ri­scher Anfor­de­run­gen gewach­sen: Pro­gram­me, Fach­be­rei­che, Lern­platt­for­men, Admi­nis­tra­ti­on, Bera­tung, Kom­mu­ni­ka­ti­on oder Talentent­wick­lung arbei­ten jeweils mit eige­nen Pro­zes­sen und Werk­zeu­gen. Intern ergibt das oft durch­aus Sinn.

Für Men­schen, die sich infor­mie­ren oder ein Ange­bot buchen möch­ten, macht eine Tren­nung über­haupt kei­nen Sinn. Denn Sie wün­schen sich eher den Ser­vice aus einem Guss.

War­um gera­de Lern­or­ga­ni­sa­tio­nen unter Ver­än­de­rungs­druck geraten

Inter­es­san­ter­wei­se ent­steht der Druck zur Ver­än­de­rung aktu­ell weni­ger durch den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt allein als durch ver­än­der­te Erwartungen.

  • Lern­be­dar­fe wer­den dyna­mi­scher und individueller
  • Ent­schei­dungs­we­ge ver­lau­fen weni­ger linear.
  • Ziel­grup­pen bewe­gen sich selbst­ver­ständ­li­cher zwi­schen for­mel­len und infor­mel­len Lern­räu­men. Gleich­zei­tig stei­gen die Erwar­tun­gen an Ori­en­tie­rung, Geschwin­dig­keit und Personalisierung.

Die Reak­ti­on dar­auf ist meist eine tech­no­lo­gi­sche Antwort.

Bestehen­de Lern­platt­for­men wer­den auf­ge­rüs­tet, CRM-Sys­te­me ein­ge­führt, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stre­cken neu auf­ge­setzt oder auto­ma­ti­siert und KI-gestütz­te Pro­zes­se auf­ge­baut. Dahin­ter steht häu­fig die nach­voll­zieh­ba­re Hoff­nung, Lern­rei­sen und Bezie­hun­gen kon­sis­ten­ter zu gestal­ten und bes­ser zu ver­ste­hen, wel­che Ange­bo­te tat­säch­lich rele­vant sind.

Span­nend wird aller­dings, was bereits vor und nach der Ein­füh­rung sol­cher Sys­te­me passiert.

Denn häu­fig ent­steht zunächst kei­ne neue Klar­heit, son­dern zunächst Frust und Desillusion.

Durch den Fokus auf die Ana­ly­se wird erkenn­bar, wie unter­schied­lich Pro­zes­se bis­lang inter­pre­tiert wur­den. Auch, wie unter­schied­lich die Daten­qua­li­tät und damit die Aus­gangs­ba­sis ist. Teams doku­men­tie­ren Infor­ma­tio­nen auf eige­ne Wei­se, Zustän­dig­kei­ten blei­ben impli­zit und vie­le Über­gän­ge funk­tio­nie­ren vor allem des­halb, weil Mit­ar­bei­ten­de orga­ni­sa­to­ri­sche Brü­che situa­tiv ausgleichen.

Solan­ge Pro­zes­se dezen­tral oder infor­mell lau­fen, bleibt vie­les davon ver­bor­gen. Erst gemein­sa­me Sys­te­me erzeu­gen die Not­wen­dig­keit, Ent­schei­dun­gen tat­säch­lich expli­zit zu treffen.

Wel­che Infor­ma­tio­nen sind rele­vant?
Wie defi­nie­ren wir gute Bera­tung?
Wel­che Daten hel­fen spä­ter wirk­lich wei­ter?
Und wel­che Erkennt­nis­se möch­ten wir aus Lern- und Inter­ak­ti­ons­pro­zes­sen über­haupt gewinnen?

Inter­es­san­ter­wei­se beginnt genau dort häu­fig die eigent­li­che Transformationsarbeit.

Gute Ser­vices erzeu­gen nicht nur Effi­zi­enz, son­dern Erkenntnisse

Lei­der kon­zen­triert sich die Dis­kus­sio­nen rund um Digi­ta­li­sie­rung stark auf Auto­ma­ti­sie­rung und Geschwin­dig­keit. Pro­zes­se sol­len effi­zi­en­ter wer­den, Kom­mu­ni­ka­ti­on per­so­na­li­sier­ter und Sys­te­me intel­li­gen­ter. Für Lern­or­ga­ni­sa­tio­nen liegt die stra­te­gisch span­nen­de­re Fra­ge mög­li­cher­wei­se an ande­rer Stel­le: Wie kön­nen wir aus all­täg­li­chen Inter­ak­tio­nen über­haupt rele­van­tes Wis­sen generieren?

Bei­spiel­haf­te Überlegungen:

Wel­che Fra­gen tau­chen immer wie­der auf?
Wo ent­ste­hen Unsi­cher­hei­ten?
Wel­che The­men ent­wi­ckeln plötz­lich Dyna­mik?
War­um bre­chen Men­schen Lern­pro­zes­se ab?
Und wel­che Bedürf­nis­se wer­den orga­ni­sa­to­risch bis­lang viel­leicht gar nicht sicht­bar oder mitgedacht?

Gera­de Learning-&-Development-Teams ste­hen hier vor einer inter­es­san­ten Her­aus­for­de­rung. Es exis­tie­ren inzwi­schen enor­me Men­gen an Daten über Lern­ak­ti­vi­tä­ten, Platt­form­nut­zung oder Kom­pe­tenz­ent­wick­lung. Gleich­zei­tig fällt es oft schwer, dar­aus tat­säch­lich anschluss­fä­hi­ge Erkennt­nis­se und kla­re Insi­des abzuleiten.

Denn Daten allein schaf­fen noch kein Ver­ständ­nis. Erst wenn Pro­zes­se, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge und Lern­rei­sen bewusst gestal­tet wer­den, ent­ste­hen Zusam­men­hän­ge, aus denen Orga­ni­sa­tio­nen ler­nen können.

Ser­vice Design unter­stützt dabei und ist mehr als Pro­zess­op­ti­mie­rung. Es ver­bin­det Nut­zer­per­spek­ti­ve, Orga­ni­sa­ti­ons­lo­gik und orga­ni­sa­tio­na­les Ler­nen mit­ein­an­der. Und gera­de aus die­sem Grund beginnt Ser­vice Design nicht mit der Ein­füh­rung eines Tools, son­dern mit dem Ver­ste­hen der Prozesse.

Die Rol­le von KI macht die­se Fra­gen sichtbarer

Mit dem wach­sen­den Ein­satz von KI ver­schärft sich die­se Ent­wick­lung zusätzlich.

Vie­le Orga­ni­sa­tio­nen hof­fen der­zeit, Lern­be­dar­fe prä­zi­ser erken­nen, Inhal­te stär­ker per­so­na­li­sie­ren oder Ent­wick­lungs­pro­zes­se intel­li­gen­ter beglei­ten zu kön­nen. Tech­no­lo­gisch ist vie­les davon bereits möglich.

Gleich­zei­tig zeigt sich in der Pra­xis ein rela­tiv nüch­ter­ner Zusam­men­hang: Sys­te­me kön­nen nur inner­halb der Struk­tu­ren arbei­ten, die Orga­ni­sa­tio­nen zuvor geschaf­fen haben.

Wenn Pro­zes­se unklar blei­ben, Daten unter­schied­lich inter­pre­tiert wer­den oder rele­van­te Infor­ma­tio­nen gar nicht erst ent­ste­hen, repro­du­ziert Tech­no­lo­gie vor allem bestehen­de Mus­ter — nur schnel­ler und in grö­ße­rem Maßstab.

Gera­de des­halb beginnt stra­te­gi­sches Ser­vice Design sel­ten mit Tools.

Der Aus­gangs­punkt ist eine ande­re Fra­ge: Wie erle­ben Men­schen eine Orga­ni­sa­ti­on tat­säch­lich, wenn sie ler­nen, Ori­en­tie­rung suchen oder Ent­wick­lung gestal­ten möchten?

Vie­le Ant­wor­ten dar­auf lie­gen bereits im All­tag ver­bor­gen — in Über­gän­gen, Rück­fra­gen, Unsi­cher­hei­ten oder klei­nen Rei­bun­gen, die intern längst nor­mal gewor­den sind.

Viel­leicht liegt genau dar­in die eigent­li­che Auf­ga­be moder­ner Lernorganisationen.

Nicht nur Inhal­te bereit­zu­stel­len oder Pro­zes­se effi­zi­en­ter zu machen. Son­dern Sys­te­me zu gestal­ten, die Ler­nen, Ori­en­tie­rung und Ent­wick­lung tat­säch­lich anschluss­fä­hig orga­ni­sie­ren können.