Service Design: Mehr Journeys wagen!

Warum Prozesse sich mehr an Experiences orientieren sollten

Ein Blick hin­ter die Kulis­sen von Ser­vice Design: Wie Expe­ri­ence ent­steht, war­um sie gestal­tet wer­den muss und wo Trans­for­ma­ti­on oft scheitert.

Zwischen tradierten Prozessen und echter Experience

In der Pra­xis erle­be ich immer wie­der ein ähn­li­ches Mus­ter. Unter­neh­mens­ver­ant­wort­li­che ver­ste­hen grund­sätz­lich, dass sich ihre Pro­zes­se stär­ker am Markt ori­en­tie­ren soll­ten – an Nut­zer­grup­pen, an ver­än­der­ten Erwar­tun­gen und an digi­ta­len Mög­lich­kei­ten. Ent­spre­chend wer­den inter­ne Pro­gram­me auf­ge­setzt, Zukunfts­pro­zes­se initi­iert und Kick-offs durch­ge­führt. Zu Beginn ist viel Ener­gie spür­bar. Danach ver­liert sich die Dyna­mik häu­fig im Alltag.

Die­ses Mus­ter begeg­net mir in sehr unter­schied­li­chen Ver­än­de­rungs­vor­ha­ben. Manch­mal im Kon­text von Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung, wo es um Par­ti­zi­pa­ti­on, Selbst­ver­ant­wor­tung und Mit­ge­stal­tung geht. In sol­chen Pro­jek­ten beglei­te ich Pro­zes­se als Mode­ra­to­rin oder Pro­zess­be­glei­te­rin. In ande­ren Fäl­len steht die Gestal­tung nut­zer­zen­trier­ter Pro­zes­se im Fokus, etwa im Bereich der Cus­to­mer Expe­ri­ence. Dann arbei­te ich in der Rol­le als Ser­vice Designerin.

Auf den ers­ten Blick wirkt das wie zwei unter­schied­li­che Arbeits­fel­der. Für mich sind sie aller­ding eng mit­ein­an­der ver­bun­den. Denn im Kern geht es immer um die­sel­be Fra­ge­stel­lung: Wie gestal­ten wir Pro­duk­te, Pro­zes­se oder Zusam­men­ar­beit so, dass sie für Men­schen und Orga­ni­sa­tio­nen einen ech­ten Mehr­wert erzeugt und sinn­voll, wirk­sam und trag­fä­hig wird?

Was Service Design für mich bedeutet

Ser­vice Design gestal­tet nicht das Pro­dukt, son­dern das Zusam­men­spiel von Men­schen, Pro­zes­sen, Sys­te­men und Kom­mu­ni­ka­ti­on, sodass dar­aus ein stim­mi­ger Ser­vice ent­steht. Ich beglei­te Orga­ni­sa­tio­nen dabei, ihre Ser­vices aus der Per­spek­ti­ve der Men­schen zu betrach­ten, die sie nut­zen oder erbrin­gen, und die­se Sicht­wei­se in Pro­zes­se, Ange­bo­te und Struk­tu­ren zu übersetzen.

Ser­vice Design rich­tet den Blick auf das nut­zer­zen­trier­te Erle­ben – nicht als nach­ge­la­ger­ten Aspekt, son­dern als Gestal­tungs­auf­ga­be. Es geht dar­um zu ver­ste­hen, wie sich Kon­takt anfühlt, wie Ori­en­tie­rung ent­steht und wie klar oder kom­plex Inter­ak­ti­on erlebt wird. Die­se Per­spek­ti­ve bil­det aus mei­ner Sicht die Grund­la­ge dafür, dass neue Ideen im All­tag tat­säch­lich funktionieren.

Worum es im Service Design geht

Ser­vice Design beschäf­tigt sich mit Fra­gen, die im Pro­jekt­all­tag oft zu wenig Fokus bekommen:

  • Wie erle­ben Men­schen einen Ser­vice über die Zeit hinweg?
  • Wo ent­ste­hen Irri­ta­tio­nen, Unsi­cher­heit oder unnö­ti­ge Komplexität?
  • Wie müs­sen Pro­zes­se gestal­tet sein, damit sie sich für Men­schen stim­mig anfühlen?
  • Wie grei­fen Orga­ni­sa­ti­on, Tech­no­lo­gie und Kom­mu­ni­ka­ti­on sinn­voll ineinander?

Dabei wird immer das Gan­ze betrachtet:

  • vor dem eigent­li­chen Kontakt
  • wäh­rend der Nutzung
  • und danach

Die Betrach­tungs­wei­se geht weg vom Silo­den­ken, hin zu ko-krea­ti­ven Arbeits­wei­sen und mehr Kollaboration.

Experience gestalten, bevor Prozesse entstehen

Damit die­ses Poten­zi­al wirk­sam wer­den kann, braucht es in Orga­ni­sa­tio­nen ein grund­le­gen­des Ver­ständ­nis für Nut­zer­rei­sen als gestalt­ba­ren Fak­tor. Die Fra­ge, wie Ver­än­de­rung aus der Per­spek­ti­ve der Men­schen wahr­ge­nom­men wird, bleibt dabei häu­fig unbe­ach­tet, weil ihr Stel­len­wert nicht von Anfang an klar ist.

Genau hier sehe ich eine zen­tra­le Auf­ga­be von Ser­vice Desi­gner. Es geht dar­um, die­ses Bewusst­sein zu ent­wi­ckeln und zu über­set­zen: in Pro­zes­se, in Kom­mu­ni­ka­ti­on, in Ver­än­de­rungs­vor­ha­ben. Expe­ri­ence ent­steht nicht zufäl­lig. Sie wird vor allem gestaltet.

Aus mei­ner Sicht ist die Rei­hen­fol­ge ent­schei­dend. Zuerst soll­te ver­stan­den wer­den, wie eine Jour­ney aus­se­hen und sich anfüh­len soll. Dar­auf auf­bau­end las­sen sich Pro­zes­se sinn­voll model­lie­ren. Erst danach erge­ben Struk­tu­ren wirk­lich Sinn.

Ser­vice Design zwi­schen Busi­ness-Zie­len und Alltag

In mei­ner Arbeit bewe­ge ich mich mit Ser­vice Design immer im Span­nungs­feld zwi­schen stra­te­gi­schen Zie­len und dem tat­säch­li­chen Business-Alltag.

Ser­vice Designer:innen arbei­ten nah an Nutzer:innen, Mit­ar­bei­ten­den und Stake­hol­dern. Sie machen Annah­men, Abhän­gig­kei­ten und Span­nun­gen sicht­bar, die in klas­si­schen Pro­jekt­struk­tu­ren oft über­se­hen wer­den. Bevor Lösun­gen ent­wi­ckelt oder Pro­zes­se defi­niert wer­den, geht es zunächst um Ori­en­tie­rung und gemein­sa­mes Ver­ste­hen der Ausgangslage.

Gera­de in Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen erle­be ich die­sen Schritt als zen­tral. Dort, wo er fehlt, ent­ste­hen spä­ter Rei­bung und Wider­stand – häu­fig nicht aus Ableh­nung, son­dern weil sich Men­schen in den neu­en Lösun­gen nicht wiederfinden.

Was Ser­vice Desi­gner kon­kret beitragen

Ser­vice Designer:innen über­neh­men in Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen häu­fig eine Über­set­zer­rol­le. Sie arbei­ten quer durch Orga­ni­sa­tio­nen, an Schnitt­stel­len, und ver­bin­den unter­schied­li­che fach­li­che Per­spek­ti­ven mit­ein­an­der. Die­se Quer­schnitts­funk­ti­on erle­be ich als einen der größ­ten Mehr­wer­te von Ser­vice Design.

Sie brin­gen ein brei­tes fach­li­ches Ver­ständ­nis mit – für Pro­dukt­lo­gi­ken eben­so wie für orga­ni­sa­tio­na­le Zusam­men­hän­ge, digi­ta­le Sys­te­me, Lern­pro­zes­se oder Kun­den­in­ter­ak­tio­nen. Die­se Brei­te macht sie zu star­ken Partner:innen in kom­ple­xen Vor­ha­ben, in denen kei­ne ein­zel­ne Dis­zi­plin allein alles wis­sen und trag­fä­hi­ge Ant­wor­ten lie­fern kann.

Ein wei­te­rer zen­tra­ler Bei­trag liegt in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ser­vice Designer:innen struk­tu­rie­ren Kom­ple­xi­tät und machen sie ver­ständ­lich. Sie über­set­zen stra­te­gi­sche Zie­le und abs­trak­te Vor­ha­ben in Model­le, Bil­der und gemein­sa­me Gesprächs­grund­la­gen. Dadurch ent­steht Ori­en­tie­rung für Teams eben­so wie für Entscheider:innen.

Dar­über hin­aus gestal­ten sie Pro­zes­se kon­se­quent aus der Per­spek­ti­ve des Erle­bens. Sie ver­bin­den ana­ly­ti­sches Den­ken mit gestal­te­ri­scher Kom­pe­tenz und sor­gen dafür, dass Lösun­gen nicht nur funk­tio­nie­ren, son­dern nach­voll­zieh­bar, anschluss­fä­hig und im All­tag trag­fä­hig sind.

Pro­dukt­rei­se oder Ser­vice Experience?

In vie­len Unter­neh­men beginnt Inno­va­ti­on mit der Pro­dukt­rei­se. Das ist wich­tig, greift aber aus mei­ner Erfah­rung zu kurz, vor allem dann, wenn neue Pro­zes­se oder digi­ta­le Lösun­gen tat­säch­lich ein­ge­führt wer­den sollen.

Ich habe in der Beglei­tung von Inno­va­tions- und Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen immer wie­der erlebt, dass neue Ser­vices, digi­ta­le Anwen­dun­gen oder Lern­um­ge­bun­gen gut kon­zi­piert waren, in der Umset­zung jedoch auf Wider­stand gesto­ßen sind. Unab­hän­gig davon, ob es sich um Ver­än­de­run­gen im Kun­den­ser­vice oder um digi­ta­le Lern­an­ge­bo­te han­del­te, zeig­te sich ein ähn­li­ches Mus­ter: Die Lösun­gen waren funk­tio­nal gedacht, aber nicht kon­se­quent aus der Per­spek­ti­ve des Erle­bens entwickelt.

Oft wur­de zu spät gefragt, wie sich die­se Ver­än­de­run­gen im All­tag anfüh­len. Wel­che Rou­ti­nen bre­chen weg? Wel­che Unsi­cher­hei­ten ent­ste­hen? Wel­che Erwar­tun­gen tref­fen auf­ein­an­der? Genau hier ent­schei­det sich, ob Inno­va­ti­on ange­nom­men wird oder nicht.

Ser­vice Design setzt des­halb frü­her an. Es betrach­tet zunächst die Ser­vice Expe­ri­ence und nutzt die­se als Grund­la­ge, um Pro­zes­se, Rol­len und Struk­tu­ren zu gestal­ten. Erst wenn klar ist, wie sich eine Rei­se anfüh­len soll, macht es Sinn, Struk­tu­ren dar­auf aufzubauen.

Fazit

Ser­vice Design über­nimmt in kom­ple­xen Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen eine zen­tra­le Quer­schnitts­rol­le. Es ver­bin­det Nut­zer­per­spek­ti­ve, orga­ni­sa­tio­na­le Rea­li­tät und stra­te­gi­sche Ziel­set­zung und bringt Ideen dort nach vor­ne, wo sie im All­tag wirk­sam wer­den müs­sen. So ent­ste­hen Ser­vices und Pro­zes­se, die anschluss­fä­hig sind – und Orga­ni­sa­tio­nen, die Ver­än­de­rung auf­neh­men und weiterentwickeln