Serendipity: Warum neue Ideen selten im nahen Arbeitsumfeld entstehen
Wie soll ich etwas verändern und neu gestalten, wenn ich mir etwas grundlegend anderes kaum vorstellen kann? Diese Frage stellen sich viele Beschäftigte, wenn sie die Aufforderung erhalten, die Innovations- und Zukunftsfähigkeit ihrer Teams zu erhöhen und über den Tellerrand zu schauen. In vielen Organisationen höre ich genau diese Appelle. Hier könnte Serendipity, ein glücklicher Zufall, helfen.
Im eigenen Saft schmoren
Der Wunsch nach Innovation ist groß. Gleichzeitig bewegen sich Gedanken, Diskussionen und Lösungsansätze in vertrauten Bahnen. Es ist völlig normal, dass Menschen auf das zurückgreifen, was sie kennen, was sich bewährt hat und was innerhalb der bestehenden Logik gut funktioniert.
Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung: Wenn wir uns innerhalb bekannter Muster bewegen, entsteht selten etwas wirklich neu, anders oder überraschend.
Diese Dynamik verstärkt sich noch, wenn Teams stark in Abteilungssilos unterwegs sind. Es wird auch nicht besser, wenn Innovationsteams aus den eigenen Reihen gebildet werden, um neue Produkt- oder Serviceinnovationen zu entwickeln, die die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens sicherstellen sollen.
Wie können wir das ändern?
Dieses Dilemma kenne ich nur zu gut aus eigener Erfahrung. Im Verlauf meines Berufslebens habe ich einen anderen Zugang zu Ideenfindung und Prozessgestaltung entwickelt. Ich begebe mich bewusst auf eine andere Ebene, zoome aus meinem Arbeitsbereich heraus, um einen größeren Blickwinkel einzunehmen.
Dieser Ansatz ist weniger Methode als vielmehr eine kontinuierliche Praxis von mir. Es ist eine bewusste Entscheidung, den eigenen Denk- und Wahrnehmungsraum fortlaufend zu erweitern, bevor eine Fragestellung überhaupt konkret bearbeitet wird. Irgendwann bin ich über einen Begriff gestolpert, der genau das beschreibt, was ich „herausfordere“: Serendipity.
Was genau ist Serendipity?
Der Begriff beschreibt nicht einfach Glück oder Zufall. Vielmehr ist entscheidend, unerwartete Beobachtungen wahrzunehmen, ernst zu nehmen und daraus neue Verbindungen entstehen zu lassen. In seinem Buch „The Serendipity Mindset” beschreibt Prof. Dr. Christian Busch Serendipity weniger als passives Glück, sondern als eine Haltung: offen bleiben, aufmerksam sein und Möglichkeiten erkennen, bevor sie vollständig greifbar sind.
Wie funktioniert Serendipity?
Für mich bedeutet das, mich gezielt in Kontexte zu begeben, die nichts mit meinem unmittelbaren Arbeitsfeld zu tun haben. Ich suche Gespräche und Umgebungen, in denen andere Denkweisen und Selbstverständlichkeiten gelten.
Vieles davon wirkt zunächst zufällig. Tatsächlich entsteht dieser „Zufall“ für mich aber aus einer kontinuierlichen Praxis: dem bewussten Verlassen vertrauter Denk- und Wahrnehmungsräume.

Ein unsichtbares Wissensnetz
In komplexen oder festgefahrenen Situationen tauchen plötzlich Gedanken, Fragen oder Bilder auf, die ihren Ursprung in ganz anderen Kontexten haben. Verbindungen werden sichtbar, die vorher nicht da waren. Ich greife auf ein unsichtbares Wissensnetz zu, das ich permanent kultiviere und das mir durch „Connecting the Dots“ irgendwann Antworten liefert. Dabei ist mir sehr bewusst, dass Lösungen nicht linear entstehen, sondern aus einer Vielzahl von Eindrücken, die sich im richtigen Moment neu zusammensetzen.
Deshalb suche ich diese Perspektivwechsel ganz bewusst. Ich besuche Ausstellungen, die nichts mit meinen aktuellen Projekten zu tun haben, wie beispielsweise das Neue Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg. Oder ich besuche Veranstaltungen in anderen Disziplinen, z. B. aus dem Studiengang Architektur, und nehme an partizipativen Formaten (z. B. einem Barcamp) teil, in denen neue Technologien oder gesellschaftliche Entwicklungen erörtert werden. Nicht, um sofort verwertbare Ergebnisse mitzunehmen, sondern um meinen Blick zu weiten.
Genau deshalb arbeite ich auch in meinen Learning Journeys bewusst mit Perspektivwechseln und ungewöhnlichen Erfahrungsräumen. Denn Entwicklung entsteht für mich selten allein durch Informationen, sondern durch neue Verbindungen im Denken.
Die Vorteile von Serendipity
Aus dieser Praxis heraus entstehen für mich mehrere Effekte, die für Gestaltungs- und Innovationsprozesse entscheidend sind:
- Ich lerne kontinuierlich neue Dinge und halte mich selbst in Bewegung.
- Ich schule einen weiteren Blick und kann Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten.
- Ich kann die neuen Erkenntnisse und Impulse mit meinen Kund:innen und Teilnehmenden teilen, sodass viele partizipieren.
- Ich erkenne Muster und kann Ansätze aus anderen Kontexten auf meine eigene Arbeit übertragen.
- Ich verstehe mich als aktive Mitgestalterin von Veränderung.
- Und genau daraus entsteht die Möglichkeit, Wirkung zu entfalten.
Fazit
Neue Ideen entstehen selten im geschlossenen System. Sie entstehen dort, wo Menschen bereit sind, ihren Denkraum bewusst zu erweitern.