Wissensarbeit: Wenn Wissen den Weg nicht findet

Seminarbox, Lernen und Wissensarbeit als geschlossenes System, ServiceDesign Übersetzung an Schnittstellen

War­um Orga­ni­sa­tio­nen mehr wis­sen, als sie nut­zen können

Man­che Orga­ni­sa­ti­ons­pro­zes­se sind auf dem Papier erstaun­lich gut beschrie­ben. Es sind Zustän­dig­kei­ten geklärt, Über­ga­ben defi­niert, Sys­te­me benannt. Doch im Arbeits­all­tag gera­ten die­se Abläu­fe ger­ne ins Stot­tern und funk­tio­nie­ren nicht so rei­bungs­los nach „Sche­ma F“. Was läuft da schief?

Die Pro­gramm­ma­na­ge­rin, die kurz vor dem Event drei Per­so­nen abte­le­fo­nie­ren muss, weil Beschlüs­se nicht recht­zei­tig durch­ge­stellt wur­den. Der Schu­lungs­ma­na­ger mit sei­ner eige­nen Lis­te für Kurs­feed­back. Oder das Team, das kniff­li­ge Fra­gen lie­ber der einen erfah­re­nen Kol­le­gin stellt als im ver­staub­ten Intra­net zu suchen: All das sind Sym­pto­me der­sel­ben Ursache.

Sol­che Situa­tio­nen zei­gen, wie anfäl­lig Pro­zes­se an ihren Über­gän­gen wer­den kön­nen. Pro­zes­se sind kei­ne geschlos­se­nen Sys­te­me, kei­ne Boxen, in denen nichts mehr passiert.

Infor­ma­tio­nen müs­sen von einem Arbeits­kon­text und Arbeits­schritt in den nächs­ten gelan­gen, Ent­schei­dun­gen ver­stan­den und Erfah­run­gen wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Wo das nicht zuver­läs­sig gelingt, über­neh­men oft Men­schen die­se Ver­bin­dungs­ar­beit. Sie stel­len Zusam­men­hän­ge her, über­set­zen Ent­schei­dun­gen, erin­nern sich an Erfah­run­gen und erken­nen, wann ein Stan­dard­pro­zess für eine kon­kre­te Situa­ti­on nicht ausreicht.

Vie­les funk­tio­niert also nicht des­halb rei­bungs­los, weil der Pro­zess so gut gestal­tet ist. Es funk­tio­niert, weil Men­schen sei­ne Lücken auf­fan­gen. Man könn­te auch sagen, dass die­se Men­schen die Brü­chig­keit des Pro­zes­ses ausgleichen.

Was zwi­schen zwei Pro­zess­schrit­ten passiert

Das Pro­zess­ma­nage­ment beinhal­tet Abläu­fe, Rol­len und Ver­ant­wort­lich­kei­ten. In vie­len Orga­ni­sa­tio­nen ist das durch offi­zi­el­le Zer­ti­fi­zie­run­gen wie DIN ISO oder AZAV gefor­dert und in Hand­bü­chern nie­der­ge­schrie­ben. Aber ein sau­ber model­lier­ter Pro­zess ist noch lan­ge kein Garant dafür, dass alles glatt läuft.

In der Bil­dungs­ar­beit gibt es vie­le sol­cher Über­gän­ge. Ein neu­er Kun­den­be­darf bei­spiels­wei­se sorgt dafür, dass ein neu­es Ange­bot ent­wi­ckelt wird. Dazu wird Fach­wis­sen ein­ge­bun­den, Leh­ren­de oder inter­ne Exper­ten koor­di­niert, ein For­mat durch­ge­führt, Feed­back gesam­melt und das Ange­bot wei­ter­ent­wi­ckelt. An jeder die­ser Stel­len wird Wis­sen wei­ter­ge­ge­ben – und an jeder Stel­le kann etwas ver­lo­ren gehen.

Viel­leicht wur­de eine Ent­schei­dung doku­men­tiert, aber der Kon­text fehlt. Viel­leicht lie­gen Rück­mel­dun­gen vor, errei­chen jedoch die Pro­gramm­ent­wick­lung nicht. Für Men­schen, die Lern- oder Orga­ni­sa­ti­ons­pro­zes­se ent­wi­ckeln, sind sol­che Bruch­stel­len nicht nur ein läs­ti­ges Pro­zess­pro­blem: Sie erfor­dern viel zusätz­li­che Koor­di­na­ti­on, um den Betrieb am Lau­fen zu hal­ten. Das wird oft nicht gesehen.

Hier wird Ser­vice Design inter­es­sant. Denn Ser­vice Design schaut nicht nur dar­auf, wie ein Pro­zess vor­ge­se­hen ist. Es fragt, wie Men­schen tat­säch­lich damit arbei­ten: Wel­che Infor­ma­tio­nen brau­chen sie? Wo müs­sen sie nach­fra­gen? An wel­cher Stel­le fehlt Kon­text? Wel­che Umwe­ge neh­men sie? 

Und wel­che Lösun­gen haben sie selbst geschaf­fen, weil der vor­ge­se­he­ne Ablauf für ihre Arbeit nicht ausreicht?

Die Excel-Lis­te ist nicht das Problem

Wer sich Arbeits­ab­läu­fe von den Men­schen zei­gen lässt, die täg­lich mit ihnen arbei­ten, stößt fast zwangs­läu­fig auf Impro­vi­sa­tio­nen: Eige­ne Tabel­len, klei­ne Chat­grup­pen, per­sön­li­che Check­lis­ten, Abspra­chen zwi­schen Tür und Angel.

Aus Pro­zess­sicht sieht das schnell nach Cha­os aus. Aus Sicht von Ser­vice Design sind sol­che Kon­struk­tio­nen zunächst Hin­wei­se. Die selbst gebau­te Excel-Lis­te ist des­halb nicht auto­ma­tisch das Pro­blem. Inter­es­san­ter ist, wel­che Auf­ga­be sie über­nom­men hat. Die Men­schen haben sich etwas gebaut, das ihnen im vor­ge­se­he­nen Pro­zess gefehlt hat.

In der Land­schafts­ar­chi­tek­tur gibt es dafür ein anschau­li­ches Bild: Tram­pel­pfa­de. Wege, die ent­ste­hen, weil Men­schen wie­der­holt eine ande­re Rou­te wäh­len als die geplan­te. Auch Orga­ni­sa­tio­nen haben sol­che Tram­pel­pfa­de. Für Ser­vice Design sind sie inter­es­sant, weil sie etwas über die tat­säch­li­che Nut­zung von Pro­zes­sen erzäh­len. Bevor man sie besei­tigt, lohnt es sich zu ver­ste­hen, wel­che Funk­ti­on sie erfüllen.

Die unsicht­ba­re Last der Wissensarbeit

An die­ser Stel­le wird aus ein­zel­nen Pro­zess­pro­ble­men ein grö­ße­res Muster.

In rei­fen IT-Struk­tu­ren beschreibt die Enter­pri­se Archi­tec­tu­re Fähig­kei­ten, Struk­tu­ren, Sys­te­me und Ver­ant­wort­lich­kei­ten einer Orga­ni­sa­ti­on. Weni­ger Auf­merk­sam­keit bekommt häu­fig die Ebe­ne dazwi­schen: Wie bewegt sich Wis­sen im Arbeits­all­tag tat­säch­lich von einer Per­son zur nächs­ten, zwi­schen Teams und über Pro­zess­gren­zen hinweg?

Die Pro­zess-Desi­gne­rin Anke Holst nutzt dafür den Ansatz der Col­la­bo­ra­ti­on Archi­tec­tu­re. Im Mit­tel­punkt steht die geziel­te Gestal­tung der Koor­di­na­ti­ons­in­fra­struk­tur: jener Ver­bin­dun­gen, Über­ga­ben, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge und Arbeits­wei­sen, über die Men­schen Infor­ma­tio­nen und Wis­sen mit­ein­an­der tei­len und für ihre Arbeit nutz­bar machen.

Fehlt die­se Infra­struk­tur an ent­schei­den­den Stel­len, pas­siert etwas sehr Mensch­li­ches: Die Orga­ni­sa­ti­on kom­pen­siert den Man­gel durch Arbeits­zeit. Men­schen erin­nern ande­re an Ent­schei­dun­gen, schrei­ben zusätz­li­che Mails, orga­ni­sie­ren Abstim­mun­gen oder erklä­ren Hin­ter­grün­de. Die Arbeit wird erle­digt. Die Schwach­stel­le im Pro­zess bleibt.

Häu­fig über­neh­men gera­de die­je­ni­gen die­se zusätz­li­che Arbeit, die viel Erfah­rung besit­zen und sich für die Qua­li­tät ver­ant­wort­lich füh­len. Damit wird ihr Wis­sen selbst zu einem Teil der Infrastruktur.

Wenn Wis­sen an Men­schen hän­gen bleibt

Das kann lan­ge gut funk­tio­nie­ren. Schwie­rig wird es, wenn Teams wach­sen, Pro­gram­me kom­ple­xer wer­den oder erfah­re­ne Men­schen die Orga­ni­sa­ti­on ver­las­sen. Der demo­gra­fi­sche Wan­del macht die­se Abhän­gig­keit gera­de beson­ders sicht­bar. Oft geht es um Men­schen, die als Trou­ble­shoo­ter gel­ten. Die­ses Wis­sen besteht sel­ten nur aus Fak­ten – es ist Erfah­rungs­wis­sen. Ein Wis­sens­ma­nage­ment­sys­tem kann davon eini­ges auf­neh­men, alles wird es nicht abbilden.

Inter­es­san­ter ist des­halb ein frü­he­rer Zeit­punkt: Wo hängt Wis­sen schon heu­te an ein­zel­nen Per­so­nen, weil Pro­zes­se und Über­ga­ben ohne ihr per­sön­li­ches Ein­grei­fen nicht zuver­läs­sig funktionieren?

Beson­ders gut lässt sich das beob­ach­ten, wenn Neu­es aus­pro­biert wird – etwa bei einem Pilot­pro­jekt. Blei­ben Erkennt­nis­se beim Pro­jekt­team, wird nur der nächs­te Durch­lauf bes­ser. Errei­chen sie auch ande­re Berei­che, kön­nen sie Anpas­sun­gen im Pro­zess, neue Qua­li­fi­zie­rungs­be­dar­fe oder stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen aus­lö­sen. Genau an sol­chen Stel­len zeigt sich, ob eine Orga­ni­sa­ti­on ihre Erfah­run­gen sys­te­ma­tisch wei­ter­ver­wen­den kann.

Erst ver­ste­hen, dann aufräumen

Für Ser­vice Design ergibt sich dar­aus eine prak­ti­sche Auf­ga­be. Bevor ein neu­er Pro­zess ent­wor­fen, ein wei­te­res Tool ein­ge­führt oder die nächs­te Wis­sens­platt­form auf­ge­baut wird, lässt sich zunächst die bestehen­de Arbeit unter­su­chen: Wie kommt eine rele­van­te Infor­ma­ti­on tat­säch­lich von A nach B? Wo ent­ste­hen Rück­fra­gen? Wel­che eige­nen Lösun­gen haben Teams entwickelt?

Das ist eine Form orga­ni­sa­to­ri­scher Archäo­lo­gie. Sie macht sicht­bar, was über Jah­re ent­stan­den ist – offi­zi­ell und inof­fi­zi­ell. Gera­de die infor­mel­len Struk­tu­ren zei­gen sehr kon­kret, was Men­schen für ihre Arbeit benötigen.

Ser­vice Design über­setzt die­se Beob­ach­tun­gen gemein­sam mit den Betei­lig­ten in Gestal­tung: Ein Über­ga­be­punkt wird ver­än­dert, ein Feed­back­weg anders orga­ni­siert, eine Infor­ma­ti­ons­struk­tur in einem klei­nen Bereich getes­tet. Manch­mal braucht es eine tech­ni­sche Lösung, manch­mal eine kla­re­re Rol­le oder ein gemein­sa­mes Ritu­al. Und manch­mal reicht es bereits, einen Pro­zess nicht nur aus der Per­spek­ti­ve sei­ner ein­zel­nen Schrit­te zu betrach­ten, son­dern aus der Per­spek­ti­ve des Wis­sens, das sich durch ihn bewe­gen muss.

Pro­zes­se gestal­ten heißt auch Wis­sens­we­ge gestalten

Für Men­schen, die Bil­dung und Orga­ni­sa­ti­on ent­wi­ckeln, liegt dar­in eine ent­schei­den­de Per­spek­ti­ve. Sie arbei­ten in einem Umfeld, in dem Wis­sen schnel­ler aktua­li­siert wer­den muss, Erfah­run­gen anschluss­fä­hig blei­ben sol­len und mit dem Aus­schei­den erfah­re­ner Beschäf­tig­ter wich­ti­ge Wis­sens­be­stän­de ver­lo­ren gehen kön­nen. Gleich­zei­tig ver­än­dert KI die Fra­ge, wel­ches Wis­sen Men­schen für ihre Arbeit künf­tig benötigen.

Mehr Infor­ma­tio­nen allein lösen die­se Her­aus­for­de­run­gen kaum. Ent­schei­dend ist, ob rele­van­tes Wis­sen die Men­schen erreicht, die damit wei­ter­ar­bei­ten können.

Viel­leicht lohnt es sich des­halb, bei der nächs­ten Pro­zess­ana­ly­se nicht nur auf Rol­len, Schrit­te und Sys­te­me zu schau­en. Son­dern auch auf die Wege dazwi­schen. Wo bleibt Wis­sen hän­gen? Wo tra­gen ein­zel­ne Per­so­nen durch zusätz­li­che Arbeit eine Last, die eigent­lich der Pro­zess tra­gen müss­te? Und wel­che Tram­pel­pfa­de zei­gen längst, dass Men­schen einen bes­se­ren Weg gefun­den haben?

*Der Begriff und Ansatz der Col­la­bo­ra­ti­on Archi­tec­tu­re an der Schnitt­stel­le von Ser­vice Design und Wis­sens­fluss geht auf die Ser­vice-Design-Prak­ti­ke­rin Anke Holst zurück, die im SDN-Jour­nal hier­über publi­zier­te. https://service-design-network.org/touchpoint_journal