Wieviel Widerspruch verträgt eine Organisation?

In Orga­ni­sa­tio­nen wird viel über Zukunft gespro­chen. Über Inno­va­ti­on, Trans­for­ma­ti­on, neue Arbeits­wei­sen. Kaum ein Stra­te­gie­pro­zess kommt ohne die Auf­for­de­rung aus, muti­ger zu wer­den, Bestehen­des zu hin­ter­fra­gen und neue Wege zu gehen. Gleich­zei­tig erle­ben vie­le Men­schen im Arbeits­all­tag, dass »die Din­ge anders ange­hen« zwar erwünscht ist, prak­tisch jedoch schnell an Gren­zen stößt und abge­lehnt wird. Ein Widerspruch?

Die­se Span­nung ist kein Rand­phä­no­men. Sie ver­weist auf ein grund­le­gen­des Miss­ver­ständ­nis dar­über, wie Orga­ni­sa­tio­nen funk­tio­nie­ren und dass Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit nicht durch Appel­le entsteht.

Wider­spruch als sys­te­mi­sche Irritation

Aus sys­tem­theo­re­ti­scher Per­spek­ti­ve, wie sie etwa bei Niklas Luh­mann ver­tre­ten wird, las­sen sich Orga­ni­sa­tio­nen nicht pri­mär als Zusam­men­schluss von Indi­vi­du­en ver­ste­hen, son­dern als sozia­le Sys­te­me, die sich über Ent­schei­dun­gen repro­du­zie­ren. Jede Ent­schei­dung erzeugt Anschluss­zwän­ge, da sie fest­legt, was als Nächs­tes sinn­voll, legi­tim oder erwart­bar ist. Genau dar­in liegt die Sta­bi­li­tät orga­ni­sa­tio­na­len Handelns.

In die­sem Kon­text wirkt Wider­spruch zunächst irri­tie­rend. Er unter­bricht Rou­ti­nen, stellt Anschluss­fä­hig­keit infra­ge und erhöht die Kom­ple­xi­tät des Sys­tems. Dass Orga­ni­sa­tio­nen auf Abwei­chun­gen reagie­ren, ist des­halb kein Aus­druck von Inno­va­ti­ons­feind­lich­keit, son­dern eine funk­tio­na­le Reak­ti­on auf Unsi­cher­heit. Und somit ziem­lich cle­ver. Denn Sys­te­me sind dar­auf aus­ge­legt, Unsi­cher­heit zu begren­zen, statt sie zu vermehren.

Pro­ble­ma­tisch wird es dort, wo die­se Logik unsicht­bar bleibt, wäh­rend gleich­zei­tig Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit ein­ge­for­dert wird.

Der blinde Fleck vieler Innovationsappelle

Wenn Orga­ni­sa­tio­nen ihre Mit­ar­bei­ten­den zu mehr Mut und Eigen­in­itia­ti­ve auf­for­dern, ver­schie­ben sie die Ver­ant­wor­tung für Inno­va­ti­on häu­fig auf die indi­vi­du­el­le Ebe­ne. Damit ent­steht ein para­do­xes Set­ting: Einer­seits wird Abwei­chung erwar­tet, ande­rer­seits bleibt unklar, in wel­chen Situa­tio­nen sie tat­säch­lich pas­sie­ren darf und wel­che Kon­se­quen­zen sie für die ein­zel­ne Per­son haben kann.

Wider­spruch ist jedoch nie neu­tral. Er ist immer ein­ge­bet­tet in Macht­ver­hält­nis­se, Rol­len­er­war­tun­gen und impli­zi­te Regeln. Wer gegen eta­blier­te Denk- oder Ent­schei­dungs­lo­gi­ken argu­men­tiert, han­delt somit nicht nur fach­lich, son­dern auch „poli­tisch” im Sys­tem. Ohne expli­zi­te Rücken­de­ckung wird Wider­spruch schnell zum per­sön­li­chen Risi­ko und wirkt sich auf das Ver­hal­ten und die Kom­mu­ni­ka­ti­on aus.

Orga­ni­sa­tio­nen, die Inno­va­ti­on indi­vi­dua­li­sie­ren, erzeu­gen daher häu­fig Anpas­sung mit neu­em Voka­bu­lar, aber wenig struk­tu­rel­le Veränderung.

Innovationsfähigkeit ist eine Frage von Struktur, nicht von Haltung

Ein zen­tra­ler Unter­schied zwi­schen sym­bo­li­scher und wirk­sa­mer Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit besteht dar­in, ob Wider­spruch orga­ni­sa­to­risch vor­ge­se­hen ist. Zukunfts­fä­hi­ge Orga­ni­sa­tio­nen ver­las­sen sich nicht dar­auf, dass ein­zel­ne Per­so­nen mutig genug sind, um bestehen­de Mus­ter infra­ge zu stel­len. Viel­mehr schaf­fen sie bewusst Rah­men­be­din­gun­gen, in denen Abwei­chung eine klar defi­nier­te Funk­ti­on hat.

Dazu gehö­ren unter anderem:

  • legi­ti­mier­te Expe­ri­men­tier­räu­me mit kla­ren Entscheidungsbefugnissen
  • Rol­len und Ver­ant­wort­lich­kei­ten, die Irri­ta­ti­on expli­zit aufnehmen
  • Füh­rung, die ermu­tigt und gleich­zei­tig Schutz bietet
  • Bewer­tungs­lo­gi­ken, in denen Ler­nen nicht auto­ma­tisch als Effi­zi­enz­ver­lust gilt

Ein häu­fig genann­tes Bei­spiel ist Toyo­ta. Dort dür­fen Mit­ar­bei­ten­de die Pro­duk­ti­on unter­bre­chen, wenn sie Pro­ble­me fest­stel­len, um die­se zu ana­ly­sie­ren und Lösungs­we­ge ein­zu­lei­ten. Ent­schei­dend ist dabei weni­ger die indi­vi­du­el­le Hal­tung als die struk­tu­rel­le Ver­an­ke­rung die­ses Han­delns. Der Wider­spruch ist somit Teil des Systems.

Kul­tur ent­steht durch erleb­te Handlungen

Vor die­sem Hin­ter­grund wird auch deut­lich, war­um Kul­tur sich nicht durch Leit­bil­der oder Wer­te­pro­gram­me ver­än­dern lässt. Kul­tur ent­steht aus Erfah­rung, aus der wie­der­hol­ten Beob­ach­tung des­sen, was pas­siert, wenn jemand wider­spricht, Fra­gen stellt oder Alter­na­ti­ven aufzeigt.

Wird eine Abwei­chung auf­ge­grif­fen, bear­bei­tet und in Ent­schei­dun­gen über­setzt, ent­steht Ver­trau­en in die Orga­ni­sa­ti­on als lern­fä­hi­ges Sys­tem. Wird sie hin­ge­gen igno­riert oder sank­tio­niert, ver­engt sich der Mög­lich­keits­raum – unab­hän­gig davon, wie pro­gres­siv die Spra­che nach außen klingt.

Eine andere Leitfrage

Viel­leicht ist es an der Zeit, die zen­tra­le Fra­ge anders zu stel­len. Nicht: Wie brin­gen wir Men­schen dazu, muti­ger zu sein? Son­dern: Wie kön­nen wir Wider­spruch so orga­ni­sie­ren, dass er Teil der Wert­schöp­fung wird?

Fazit

Zukunfts­fä­hig­keit ent­steht dort, wo Orga­ni­sa­tio­nen ler­nen, Irri­ta­ti­on aus­zu­hal­ten und pro­duk­tiv zu ver­ar­bei­ten. Dort, wo Wider­spruch als not­wen­di­ger Bestand­teil orga­ni­sa­tio­na­len Ler­nens ver­stan­den und kon­struk­tiv in Lern­pro­zes­se inte­griert wird.